Auf Leonards Spuren
Blog-Nr. 473
Mit dem Gefühl durch die engen Gassen gelaufen, immer wieder die Treppen, die vielen, vielen hoch, er komme gleich um die Ecke, mit seiner Gitarre umgehängt, vielleicht gar spielend und singend, oder dann Händchen haltend mit seiner Marianne und verliebten Blicken.
Oder er sitze unten am Hafen, in der Taverne O Pirates, wo er oft sass, manchmal spielte, manchmal etwas aufschrieb, spät nachts Ouzo trank, oder im Café O Katsikas, so hiess es früher, es soll einst auch ein Lebensmittelgeschäft gewesen sein, hier hatte er seine Marianne erstmals gesehen, diese schöne blonde Norwegerin. Und sich sogleich verliebt.
So flaniere ich durch Hydra, und als ich ankam vor ein paar Tagen, war es wie ein nach-Hause-kommen, obwohl es noch nie ein Zuhause war, aber die Bilder im Kopf, alles, was ich gelesen und gehört hatte – und es war viel –, es war genauso. Hydra ist wie ein riesiges Gemälde.
Und eben hier wegen ihm, und jetzt mit dem Gefühl, er sei doch immer noch auf der Insel, obwohl 50 Jahre vergangen sind und er gestorben ist, im November 2016.
Leonard Cohen.
Auf seinen Spuren, mit seinen Songs im Ohr, die nicht immer leicht zu verstehen sind oder man ganz verschieden verstehen kann, über die Liebe im Leben und auch die Dunkelheit und den Schmerz, der immer wieder damit verbunden ist, die Vergänglichkeit, über Spiritualität und Religion.
Also hochgestiegen, und es sind wirklich viele Stufen, bis man oben ist, verwinkelte Gassen, alle Häuser weiss, überall immer wieder Katzen, schlafende, spazierende, und dann steht man bei einem Haus vor dem blauen Schild. «Leonard Cohen» gross und auf griechisch: Weg und Gemeinde Hydra.
| Hoch über Hydra: Der Weg von Leonard Cohen |
Sein Haus, das er gekauft hatte damals, für 1500 Dollar, seine Grossmutter hatte ihm das Geld geschenkt, es ist heute kein Museum, immer noch im Besitz der Familie Cohen, sein Sohn, auch Musiker, und seine Tochter sind oft hier. Eine graue Doppeltür, ein Baum mit wunderbar leuchtenden Bougainvilleen, grosse Fenstern, und im dritten Stock war sein Zimmer.
| Im Zimmer oben im dritten Stock schrieb und dichtete Cohen |
Da sass Leonard Cohen vor seiner grünen Olivetti-Schreibmaschine, die er zuvor in London gekauft hatte, schrieb und hatte Blockaden, Zweifel, er wollte Schriftsteller werden, verfasste einen Roman und Gedichte, der spanische Lyriker Federico Garcia Lorca war seine Inspiration. Er hatte stets ein Buch von ihm neben sich, und Cohen nahm auch immer wieder seine Gitarre, versuchte zu vertonen, was auf seinem weissen Blatt stand, suchte nach dem richtigen Wort, dem richtigen Vers und Reim, verzweifelt oft. Er hatte auf Hydra auch Depressionen.
Hier also, in diesem 200-jährigen Haus, gingen Marianne Ihlen und er ein und aus, und auch ihr Sohn Axel, verbrachten ihre schöne Zeit auf Hydra, aber auch ihre Krisen. Cohen ging zwischendurch zurück nach Montreal, sie nach Oslo, und hier entstand «So long Marianne», das er seiner Marianne anfänglich ungern vortrug, das Lied über die Melancholie eines Abschieds mit Würde.
Oder auch das ein Lied von Hydra: «Hey, Thats No Way To Say Goodbye», es heisst darin: «Lass uns nicht über Liebe und Ketten sprechen und über Dinge, die man nicht mehr auseinander kriegt/Deine Augen sind sanft vor Sorge, hey, so sagt man nicht Lebewohl».
Lieder für Marianne von Leonard, und ich stehe vor dem Haus und schaue zum Himmel hoch und sehe das Telefonkabel. Als Cohen das Haus kaufte, gab es noch keine Elektrizität, kein fliessendes Wasser, erst später kam der Draht, sassen die Vögel drauf, Cohen machte eine Zeichnung, dann ein Gedicht, dann das Lied, «Bird on the Wire, und darin diese Worte: «Like a drunk in a midnight Choir/I have tried in my way to be free/If I, If I have been untrue/I hope you know it was never to you».Den Vogel auf einem Draht bei seinem Haus sah ich ihn nicht, aber später unten am Hafen einen.
| «Bird on the Wire» |
Und ja, auch dieses Plakat, «So long, Marianne» ein Film, gespielt am Mittwochabend im Kino auf Hydra, dem einzigen, dem schönsten Kino, in dem ich je sass, unter freiem Himmel, nächtliches Blau, 30 Grad auch abends um halb zehn, Stühle und hohe Mauern rundherum, der Präsident des Hydra Cinema Club sprach zuerst ein paar Worte, er sei stolz, dass es dieses Freiluftkino seit 42 Jahren gibt.
Der Film, nicht jener aus einer achtteiligen Serie mit Leonard und Marianne, immer noch in der ARD-Mediathek zu finden, sondern ein Spielfilm, etwas kitschig, aber doch schön, wieder mit Bildern von Hydra als Gemälde.
| Openair Kino auf Hydra |
Beschwingt nachher ein Ouzo in der Piratenbar getrunken. Und geträumt. Dem Meerweg entlang gelaufen, bis zur Bank, von der Gemeinde Hydra aufgestellt, für Cohen, mit einer kleinen Tafel. Es ruht sich wunderbar auf der Bank, es ist dunkel geworden, kahles Mondlicht, das Wasser glitzert, verliebte Paare, Katzen auch hier, auf ihrem nächtlichen Spaziergang, Möwen kreisen am Himmel, zwei Esel kommen dahergelaufen, Koffer auf ihrem Rücken, Gäste sind eben mit einem Schiff angekommen und auf dem Weg zur Unterkunft.
| Eine Bank für Cohen am Uferweg |
Noch diese Zeilen aus «So long, Marianne», sie kommen in dieser verträumten Stimmung in den Kopf: «Nun, mach’s gut, Marianne, es ist Zeit, dass wir wieder beginnen/Über all das zu lachen und zu weinen und zu weinen und zu lachen».
Ich gehe glücklich lächelnd zurück nach Hydra-Stadt, noch ein letzter Ouzo in der Bar der Piraten, eine Frau spielt am Klavier, an diesem Abend nur französische Chanson, einmal auch «Ne me quitte pas» von Jacques Brel.
Leonard und Marianne hatten sich nach zehn Jahren auf der Insel getrennt, sind aber mit einer ewigen Liebe verbunden geblieben.
Im Sommer 2016, Marianne lag an Krebs erkrankt auf dem Sterbebett in Oslo im Spital, Leonard war in Montreal, auch er an Leukämie erkrankt schrieb er ihr: «Mein alter Körper gibt auf, so wie Deiner es tut. Ich habe Deine Liebe und Schönheit nicht vergessen. Aber das weisst Du ja. Mehr muss ich nicht sagen. Gute Reise, meine Liebe. Wir begegnen uns bald wieder. In endloser Liebe, Dein Leonard.»
Marianne soll danach leise mit schwacher Stimme die Melodie von «Bird on the Wire» gesummt haben. Und für immer verstummt sein, mit 81 Jahren.
Sie war kurz vor ihrem Tod nochmals nach Hydra gegangen und hatte alle ihre Freunde, und sie hatte viele, in die schöne Taverne «Marina» direkt am Meer in der Bucht Vlychos eingeladen.
| Marianne und Leonard auf Hydra |
Leonard Cohen starb vier Monate später, er wurde 82.
Drei Wochen vor seinem Tod kam sein letztes Album heraus, «You want it Darker», produziert von seinem Sohn Adam, mit Songs, die bei jeder Zeile und jedem Ton den nahen Tod zum Thema haben, aber auch die Liebe zu einem Menschen und das Zwiegespräch mit einem Gott. Mit vielen Worten des Abschieds.
Leonard Cohen sagte einmal, er wolle 120 werden, mindestens.
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| «You Want it Darker», Cohens letztes Album (YouTube) (Werbung kann schnell übersprungen werden) |
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