Posts

Es werden Posts vom Mai, 2021 angezeigt.

Gefängnisfussball

Bild
Diesen Blog-Beitrag auch hören!   Turnier der F-Junioren in Bülach Es war Samstag, es war in Porto, es war der Final der Champions, die keine Champions waren, aber das Final der Besten in Europa. 16 000 Menschen im Drachenstadion, endlich wieder, und schon Tage zuvor waren die englischen Fans aus London und Manchester in die portugiesische Küstenstadt eingefallen, tranken viel und feierten ungehemmt. «Masken? Soziale Distanz? C’mon!» berichtete der Reporter der «Süddeutschen Zeitung» vor Ort, besonders nach dem Spiel wussten die meist blauen Blauen von Chelsea am Ufer des Douro kaum mehr, was einst eine Pandemie war. War da mal was? Es war Sonntag, es war in Bülach, es hätte an vielen Orten irgendwo auf dem Lande sein können, es war ein Turnier der F-Junioren, der Kleinsten, deren Hosen manchmal bis zu den Knöcheln reichen. Die Sportanlage Erachfeld ist von einem hohen Gitter umgeben, ausser den kleinen Spielern und ihren Betreuern darf niemand rein, wir stehen draussen und versuchen a

Ewig schade

Bild
Diesen Blog-Beitrag auch hören!   Gerd Müller und Robert Lewandowski Romantiker, die noch Gerd Müller erlebt haben, wie er nach einem Tor einfach nur die Arme in die Höhe streckte, sich umdrehte und wieder zur Mittellinie lief, weil er sein nächstes Tor schiessen wollte, hofften, es hätte sich so abgespielt: Die letzte Minute im Spiel der Bayern gegen Augsburg und die letzte Minute der deutschen Meisterschaft, es gibt einen Elfmeter für die Münchner, Robert Lewandowski, der keine Elfmeter vergibt, tritt an - und schiesst den Ball in die Arme des Torhüters von Augsburg, der auch ein Pole ist. Er verneigt sich jetzt vor dem Himmel und vor Gerd Müller, der ausserhalb von München seit Jahren in einem Pflegeheim liegt, nicht mehr ansprechbar, an Demenz erkrankt. Es bliebe damit so: Müller 40, Lewandowski 40. Beide halten den Rekord mit den meisten Toren in einer Bundesliga-Saison, es bleibt ein Rekord für die Ewigkeit. Wie wir alle dachten, als dies Müller, dem «Bomber der Nation», vor 49

Er denkt, ich denke

Bild
Thomas Tuchel und Pep Guardiola   Diesen Blog-Beitrag auch hören!   Es ist nicht mehr wie damals in der Schumann’s Bar am Odeonplatz in München, als sich Pep Guardiola und Thomas Tuchel zu einem fachmännischen Austausch unter Trainern trafen. Ihr Tisch soll bald verstellt gewesen sein mit Pfefferdosen und Salzstreuern und auch Espressotassen und Zahnstocher, die sie ständig umher geschoben haben, um mögliche Taktiken zu besprechen, das Rotweinglas war Guardiolas rechter Verteidiger, und die Kellner im Lokal wagten es nicht mehr, ihnen nachzuschenken, weil die beiden so vertieft und leidenschaftlich waren in ihren Gesprächen, stundenlang, wird erzählt. Diesmal sitzt jeder seit Tagen für sich in seinem Managerbüro, Guardiola im Osten Manchesters im feudalen Trainingszentrum der Citizens und Tuchel 250 Kilometer südlich im Cobham Center ausserhalb von London, wo die Fussballer von Chelsea beheimatet sind. Nachgestellt: Taktik auf dem Bistrotisch, Rotweinglas als rechter Verteidiger Sie h

Leben in der Kabine

Bild
Diesen Blog-Beitrag auch hören!   Kabine der Veteranen des FC Wettswil Bonstetten Der schönste Satz fällt am Schluss des Filmes. Der junge Fussballer, 14 ist er, sitzt in der Garderobe, das Spiel ist zu Ende, er ist glücklich, seine Mannschaft hat gewonnen, und er sagt: Würde er einen Final in der Champions-League spielen können und seine Grossmutter wäre krank, würde er bei ihr sein wollen. Der junge Fussballer wollte als kleines Kind mal Stuntman werden, oder vielleicht Pilot, er ist jetzt in der Sekundarschule und spielt bei den Junioren des FC Blue Stars. Er hatte Träume, wie wir alle und wie junge Fussballer besonders, und nicht nur junge, alle, Frauen, Männer, die dem Ball nachjagen, Fussball ist immer auch träumen, wie ein Trainer im Film sagt, träumen, sich vergessen, Ängste ausleben, Freude und Schmerz zulassen. Dieser Film, «Football Inside» heisst er, er läuft momentan in verschiedenen Kinos, von Michele Cirigliano, einem Zürcher, 46, seine Eltern kommen aus dem Süden Itali

Wildes Leben

Bild
Diesen Blog-Beitrag (und die Musik) auch hören! Marianne Faithfull Das passiert immer wieder. Ein Name einer Musikerin oder eines Musikers, und dann ist ein Lied im Kopf. Vielleicht ist eine Geschichte damit verbunden, eine ganz persönliche, und sie soll persönlich bleiben, vielleicht war es auch einfach der erste Song, den man vor langer Zeit von diesem Namen gehört hatte. Marianne Faithfull.  Und: «The Ballad of Lucy Jordan». Es ist das Lied für mich. Von ihr. Mit ihrer tiefen, rauen und rauchigen Stimme. Es ist die Geschichte einer 37-jährigen Hausfrau, deren Leben in eine Sackgasse geraten war, die auf das Hausdach stieg, wo ihr ein fremder Mann die Hand reichte und sie in eine psychiatrische Klinik begleitete. Das war im Kopf. Und so war es, als ich kürzlich in der «Süddeutschen Zeitung» ein ganzseitiges Interview von ihr las – Marianne Faithfull und diese Ballade –, es ist ein eindrückliches, schonungsloses Interview. Mit «Schicksal» ist es getitelt, und es schliesst mit dieser A