Eisern mit dem Buddha
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Schon
dieser Name: An der Alten Försterei. Der Weg dorthin zum Stadion, im
Osten Berlins im Ortsteil Köpernick, führt über einen Kiesweg durch
einen Wald. Führt zu einem Forsthaus, das jetzt die Geschäftsstelle ist.
Jene des 1. FC Union Berlin. Sie werden die «Eisernen» genannt. Oder
die «Schlosserjungs», in Anlehnung an die proletarischen Wurzeln des
Vereins.
Vor dem Spiel wird immer die Vereinshymne gesungen von
Nina Hagen, der Punksängerin, 67 ist sie heute, schon als Kind war sie
mit ihrer Mutter im Stadion gewesen. Und es heisst im Lied: «Wer lässt
sich nicht vom Westen kaufen? Eisern Union. Eisern Union.»
Und an diesem Samstagnachmittag sind sie noch lauter. Bayern München ist der Gegner, und es ist ein Spitzenspiel, Erster gegen den Zweiten, «Eisern gegen Bayern» schreibt die Berliner Morgenpost gross auf der Titelseite, unvorstellbar eigentlich, die übermächtigen Münchner, 68 nationale Titel, schon 860-mal Tabellenführer in der Bundesliga, gegen Union, 1 Titel, DDR-Pokalsieger 1968, noch nie Tabellenführer in der Bundesliga, Goliath gegen David.
«Wir aus dem Osten geh’n immer voran/Schulter an Schulter für Eisern Union/Hart sind die Zeiten und hart ist das Team/Darum siegen wir mit Eisern Union.»
So beginnt Hagens Lied. Sie siegen nicht, an diesem wunderbaren Nachmittag, aber sie verlieren auch nicht. 184 Sekunden lang sind sie gar, was sie noch nie waren: Erster in der Bundesliga. Sie haben das 1:0 geschossen, und die Fans, die jeweils schon jubeln und entzückt sind, wenn ihre Eisernen einen Einwurf herausholen, feiern und singen und schwenken ihre rot-weissen Schals, als wären sie eben Deutscher Meister geworden. Aber eben: kurz darauf, es waren erst 15 Minuten gespielt, fällt schon das 1:1, und dabei bleibt es.
«Fussballgott», das ist in den Augen der Fans jeder Union-Spieler – dann, wenn ihre Namen vom Stadionsprecher vorgelesen werden, vor dem Spiel, und später, wenn einer ausgewechselt wird und ein neuer kommt, mit Inbrunst schreien es die 22 012, und am lautesten schreien sie es, wenn der Trainer vorgestellt wird. Urs Fischer, ein «Fuss-ball-Gott» ist der 56-jährige Zürcher, der seit vier Jahren in Berlin ist, die Union 2019 in die erste Liga geführt hat.
Er sei, schrieb einmal die Süddeutsche Zeitung, die «eidgenössische Buddha-Inkarnation», immer unaufgeregt, immer in sich ruhend, immer korrekt, ganz bei sich und nie irgendetwas darstellend, das er nicht ist. «Ich bin ich», sagte er einmal, er ist authentisch, wirkt manchmal etwas kauzig, bodenständig, doch sie lieben hier seine Art, seinen lustigen Akzent, wenn er spricht.
Nach dem Spiel am Samstag, auf dem Weg zum Bahnhof Köpernick, sagt einer im rot-weissen Trikot und mit rotem Schal zum anderen: «Heute haben wir wieder einen Punkt im Kampf gegen den Abstieg geholt», er lacht dabei, denn auch er weiss, dass ein 1:1 gegen Bayern wie ein Sieg ist. Aber so könnte auch Urs Fischer sprechen, er ist von seinem Stuhl am Spielfeldrand kaum aufgesprungen, als seine Mannschaft das 1:0 geschossen hat und im Stadion alle ausgeflippt sind, er redet von einer Momentaufnahme, mehr sei es nicht, er bleibt demütig. Fischer ist Fischer.
Aber später am Abend schreibt er doch eine SMS, «Geilä Punkt» und drei Ausrufezeichen dazu und das Emoji mit den starken Muskeln am Oberarm. Er ist stolz auf seine Eisernen, sie sollen gegen die Bayern manchmal auch eklig sein, hatte er am Tag zuvor gefordert, und sie kämpften um jeden Zentimeter, waren leidenschaftlich - auf dem Rasen und auf den Tribünen. Seit zwölf Spielen jetzt haben sie nie mehr verloren.
Berliner Morgenpost und Tagesspiegel am Spieltag: Das eiserne Wunder |
Anmarsch zum Stadion An der Alten Försterei durch den Wald |
Der «Mané» von Bayern spendet etwas für die Union-Choreo |
Liebe zur Tradition: Seit über 100 Jahren steht das Stadion |
19'000 der 22'000 stehen im Stadion, ein rot-weisses Meer |
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