Endlich da: Hydra
Erstmals einen Song von ihm wahrgenommen in den siebziger Jahren. Ein erstes Konzert wohl in Basel, vielleicht in Montreux, ja, ich glaube, es war am Genfersee beim Jazzfestival. Auf der Piazza San Marco in Venedig erst später, es regnete damals den ganzen Tag bäche- oder kanäle-voll, wir mussten über provisorische Holzstege zum Platz, aber es war wunderbar, wir völlig durchnässt. Und Barcelona. Und Wien, klar in Zürich, mehrmals, zweimal Kongresshaus, sonst im Hallenstadion, Mailand, Stassburg, Lörrach, es war ein Open-Air, Genf, München, Berlin.
Viele Male. Er stets mit dreiteiligem Massanzug, meistens Krawatte, dunklem Fedora-Hut, den er jeweils vom Kopf und vor seine Brust nahm, sich vor dem Publikum verbeugte, niederkniete, irgendwie demütig, etwas verlegen, fast schüchtern, aber immer würdevoll, und sich so bedankte. Mit warmen Worten. «I Tried to Leave You» sang er zuletzt bei seinen Konzerten meist, das Mikrofon fest in seine Hände gedrückt, so möchte man alt werden, dachten wir und wünschten, er würde uns nicht verlassen, nie.
Leonard Cohen starb vor zehn Jahren, 82-jährig,
Seine Songs, tausend Mal gehört, «So long Marianne», «Bird on the Wire», viele andere, fast alle geliebt, «Hallelujah», die Hymne, bei so vielen Momenten im Leben, oder: «Famous Blue Raincoat», einfach wunderbar, schon wie es beginnt: «It′s four in the morning, the end of December/I'm writing you now just to see if you′re better/New York is cold, but I like where I'm living/There's music on Clinton Street all through the evening.»
Dann «Suzanne» oder «Dance Me to the End of Love», das Scheitern an der Liebe davor und danach, weil die Liebe unendlich endlich ist, auch seine letzten Alben, jetzt mit dunkler, tiefer Stimme, «You Want It Darker», hiess sein letztes, du willst es dunkler, er war bereit zu gehen.
Cohen für so viele Momente im Leben, schöne, melancholische, bittere, schwermütige, traurige, süsse, schwierige, glückliche; Bob Dylan sagte einmal, Cohens Lieder seien gesungene Gebete, er war der singende Dichter.
Aber eben, diese beiden Songs, der Abschied von Marianne und der Vogel auf dem Stromkabel, sie sind auf der griechischen Insel Hydra entstanden, in lyrischer Form, Cohen war, als er dorthin ging, noch nicht Musiker, sondern Dichter, von Selbstzweifeln geplagt – und deshalb habe ich immer davon geträumt, immer wieder gedacht, seit Jahrzehnten, es war immer im Kopf: Einmal im Leben dorthin.
Auf diese kleine Insel im ägäischen Meer, anderthalb Stunden mit der Fähre weg von Athen, keine Autos, nur Esel und Katzen, sehr viele Katzen, keine Satellitenschüssel, alles unter Denkmalschutz, und das Leben am Hafen, die Fischerboote, der erste Café am Morgen, die Abende, ein Ouzo zuletzt, ein zweiter, die Nächte müssen wunderbar sein.
Und jetzt, an diesem Samstag, die Fähre aus Athen ist etwas verspätet, blau der Himmel, tiefblau das Meer. «Kalispéra» sagt Petros, er hat gewartet, ein Schild in die Höhe gehoben, «EARTH8694», keine Ahnung, weshalb diese Botschaft, er lächelte, willkommen auf der Insel, er sagt es jetzt auf englisch.
Es ist hier schöner als in den schönsten Träumen geträumt, der Hafen, die Boote, das flimmernde Licht, die Wärme, fast 30 Grad am frühen Abend noch, in der Nacht immer noch 20, die Tavernen, die Bars, die weissen Häuser, ja wie das grosse Halbrund eines antiken Amphitheaters, auf vielen Fotos schon gesehen, jetzt in echt.
Und später, angekommen: Kann Poesie schöner sein, es ist Vollmond, in irgendeiner Bar am Hafen muss damals auch Cohen gesessen haben.
«Wenn man einmal auf Hydra gelebt hat, kann man nirgendwo anders mehr leben, auch nicht auf Hydra», soll der amerikanische Dichter Kenneth Koch gesagt haben, er war mit Cohen befreundet, sie verbrachten einige Jahre gemeinsam auf der Insel, Dichter unter sich, Hydra ist der Ort für Künstler.
Bald mehr von der Insel, «Kalkinychta», gute Nacht.
Viele Male. Er stets mit dreiteiligem Massanzug, meistens Krawatte, dunklem Fedora-Hut, den er jeweils vom Kopf und vor seine Brust nahm, sich vor dem Publikum verbeugte, niederkniete, irgendwie demütig, etwas verlegen, fast schüchtern, aber immer würdevoll, und sich so bedankte. Mit warmen Worten. «I Tried to Leave You» sang er zuletzt bei seinen Konzerten meist, das Mikrofon fest in seine Hände gedrückt, so möchte man alt werden, dachten wir und wünschten, er würde uns nicht verlassen, nie.
Leonard Cohen starb vor zehn Jahren, 82-jährig,
Seine Songs, tausend Mal gehört, «So long Marianne», «Bird on the Wire», viele andere, fast alle geliebt, «Hallelujah», die Hymne, bei so vielen Momenten im Leben, oder: «Famous Blue Raincoat», einfach wunderbar, schon wie es beginnt: «It′s four in the morning, the end of December/I'm writing you now just to see if you′re better/New York is cold, but I like where I'm living/There's music on Clinton Street all through the evening.»
Dann «Suzanne» oder «Dance Me to the End of Love», das Scheitern an der Liebe davor und danach, weil die Liebe unendlich endlich ist, auch seine letzten Alben, jetzt mit dunkler, tiefer Stimme, «You Want It Darker», hiess sein letztes, du willst es dunkler, er war bereit zu gehen.
Cohen für so viele Momente im Leben, schöne, melancholische, bittere, schwermütige, traurige, süsse, schwierige, glückliche; Bob Dylan sagte einmal, Cohens Lieder seien gesungene Gebete, er war der singende Dichter.
Aber eben, diese beiden Songs, der Abschied von Marianne und der Vogel auf dem Stromkabel, sie sind auf der griechischen Insel Hydra entstanden, in lyrischer Form, Cohen war, als er dorthin ging, noch nicht Musiker, sondern Dichter, von Selbstzweifeln geplagt – und deshalb habe ich immer davon geträumt, immer wieder gedacht, seit Jahrzehnten, es war immer im Kopf: Einmal im Leben dorthin.
| Leonard Cohen auf Hydra und seine Marianne |
Und jetzt, an diesem Samstag, die Fähre aus Athen ist etwas verspätet, blau der Himmel, tiefblau das Meer. «Kalispéra» sagt Petros, er hat gewartet, ein Schild in die Höhe gehoben, «EARTH8694», keine Ahnung, weshalb diese Botschaft, er lächelte, willkommen auf der Insel, er sagt es jetzt auf englisch.
| Die Insel der Esel und der Katzen |
Es ist hier schöner als in den schönsten Träumen geträumt, der Hafen, die Boote, das flimmernde Licht, die Wärme, fast 30 Grad am frühen Abend noch, in der Nacht immer noch 20, die Tavernen, die Bars, die weissen Häuser, ja wie das grosse Halbrund eines antiken Amphitheaters, auf vielen Fotos schon gesehen, jetzt in echt.
Und später, angekommen: Kann Poesie schöner sein, es ist Vollmond, in irgendeiner Bar am Hafen muss damals auch Cohen gesessen haben.
«Wenn man einmal auf Hydra gelebt hat, kann man nirgendwo anders mehr leben, auch nicht auf Hydra», soll der amerikanische Dichter Kenneth Koch gesagt haben, er war mit Cohen befreundet, sie verbrachten einige Jahre gemeinsam auf der Insel, Dichter unter sich, Hydra ist der Ort für Künstler.
Bald mehr von der Insel, «Kalkinychta», gute Nacht.
«So long, Marianne» (Video: YouTube)
Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
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