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Warten im Zug

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Blog-Nr. 505 Er fährt. Tatsächlich. Und pünktlich: EC 196 ab München Hauptbahnhof , der eine Baustelle ist, 8:32 Uhr. Auf die Minute genau. Gute Reise wünscht die Stimme im Lautsprecher. Und sogar das Internet funktioniert. Jetzt, es ist 08:35 Uhr. Zwei Minuten später nicht mehr. Ich bin der Erste im Restaurant-Wagen, trinke einen Espresso, schwarz. Hätte einen zweiten nötig, dringend. Leider, höre ich von der lieben Serviceangestellten, gebe es keinen, die Maschine sei defekt. Das sagt jetzt auch der Unbekannte am Lautsprecher, aber kalte Getränke gäbe es; nur kein Coca-Cola, dafür Vivi-Cola höre ich, weil jemand, der Coca will, ja kein Vivi. Ich trinke Wasser. Und jetzt fährt der Zug nicht mehr. Er hält, irgendwo im Nirgendwo. Grün ist es draussen und blau oben, ein wunderbarer Herbstmorgen, bald heisst es in München «O’zapft is»;  im Hauptbahnhof, der eine Baustelle ist, standen schon viele in Lederhosen, einige mit dem ersten und sicher nicht letzten Bier in der Hand. Der ECE 1...

Paris! 9:34 Uhr!

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Blog-Nr. 504 Der alte Mann sitzt im Zug, wie jeden Morgen, es ist immer der gleiche Zug, er sitzt auch fast immer am gleichen Platz, er war am gleichen Ort eingestiegen, gleich beim Treppenaufgang. Es ist sein Platz, beim Fenster, wenn dieser aber einmal besetzt ist, dann ist er etwas verwirrt, bleibt einfach im Gang stehen. Der alte Mann hatte kürzlich seinen 85. Geburtstag, gefeiert hat er ihn nicht, er wusste, dass dieser Tag, es regnete, was es sonst praktisch nie machte in diesem Sommer, sein Geburtstag ist; 85 dachte er, vielleicht kommen nicht mehr so viele Tage.  Aber der alte Mann lebt längst alleine, ein Handy hat er nicht, er will nichts mehr wissen von dieser Welt, und so hat ihm auch niemand gratuliert. Er hätte auch nicht gewusst, wer ihm nun gratulieren soll. Seine wenigen Freunde sind alle gestorben. Der alte Mann weiss, wo er wieder aussteigen muss, er steigt immer dort aus, denn er geht von dort gleich die Strasse zum See runter, vorbei am Kino Le Paris, und dann ...

Wo war ich?

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Blog-Nr. 503 Foto KI Weil heute – 9/11 – alle Zeitungen und TV-Anstalten darüber berichten. Über diesen Tag, einen Dienstag, vor genau 25 Jahren. Und über die Menschen, die erzählen, wo sie waren und was sie machten, als die Türme des World Trade Center einstürzten. Die ganze Welt schaute live zu. Und ich denke: Wie viele Momente in einem Leben gibt es, an die man sich immer erinnert, weil man genau weiss, wo man war und was man in diesem Augenblick machte? Die erste Liebe (Gaby hiess sie) nicht, denn: Wann genau weiss man, dass daraus dann die erste Liebe wird? Die Geburt der Kinder (ich weiss den Wochentag, einmal ein Samstag, einmal ein Donnerstag, aber nicht mehr die genaue Uhrzeit)? Das erste Fussballspiel (wohl auf dem Heslibach, FC Küsnacht), das erste Konzert (wohl Joe Dassin, auf einer Bühne im Sand in der Camargue), aber wann? Keine Ahnung. Der 11. September aber. Ich war auf der Insel Mallorca, es war später Nachmittag, kurz nach 16 Uhr, ich weiss nicht, weshalb ich zu diese...

Was will er?

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Blog-Nr. 502 Will er einfach nicht? Will er gar ewig bleiben? Will er zeigen, wie schön er ist? Will er, dass wir noch wochenlang  am See sitzen bleiben? Will er, dass wir noch im Januar glauben, dass es Juli ist? Will er, dass die Vögel nicht  gegen Süden fliegen? Will er, dass nicht die Fischreiher das Floss besetzen, sondern wir? Will er, dass wir abends um zehn noch  ein weiteres Glas Negroni bestellen?  Und keinen heissen Tee? Will er, dass wir das tausendste Foto vom Sonnenuntergang machen? Will er, dass die rote Vespa noch mehr Kilometer auf dem Tacho hat? Will er, dass die Winterpneus  v on Auto überwintern? Will er, dass Fernando in der Badi Kusen  nicht zurück nach Mallorca kann? Will er, dass Javier in Cas Concos  auf uns warten muss? Will er, dass der Rosé  nochmals ausverkauft ist? Will er, dass wir nie mehr frieren? Will er, dass wir nicht mehr wissen,  was ein Pullover ist? Will er, dass wir nie mehr Socken tragen? Will er, das...

Verführt

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Blog-Nr. 501 Ich kann keine Noten lesen, offenbar kann das auch Ronnie Wood nicht. Doch von ihm später. Ich spielte nie ein Instrument, kann nicht singen, mein rhythmisches Gefühl ist mässig, ich tanze gerne, aber wenig stilvoll, bin eigentlich unmusikalisch. Aber bei Musik schwebe ich, im Kopf, im ganzen Körper. Dann werde ich leicht, manchmal auch melancholisch, nachdenklich. Ich bewege mich in eine andere Welt, vergesse die reale, lasse mich verführen. Wie von einem zarten Regen in einer lauen Sommernacht. Ich liebe Fussball. Gehe in ein Stadion und warte auf den Moment, den besonderen Moment. Ich weiss nie, was kommt. Vielleicht gibt es einige davon, vielleicht nur einen einzigen, manchmal kommt gar keiner. Dann frage ich mich, weshalb bist du überhaupt ins Stadion gegangen? Bei Musik ist es anders. Nicht vom ersten Ton und Takt oder Wort an. Anfangs bin ich vielleicht noch abgelenkt, durch sorgende Gedanken, durch Menschen neben mir, mit negativen Nachrichten. Aber dann beginnt d...

Erst ChatGPT – dann doch der Mensch

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Blog-Nr. 500 Es ist der 500. Blog (wenigstens offiziell). Und so dachte ich, ein Jubiläumstext sollte etwas Besonderes sein. Es kam aber anders heraus, wie so oft, weil plötzlich eine andere Idee im Kopf ist, meistens der erste Satz nicht weiss, wie der zweite lautet, und schon gar nicht, wohin er führt, irgendwann zum letzten Satz. Ich verbrachte viele Stunden mit ChatGPT – mit ihm, mit ihr, mit dem –, nicht wegen eines Textes, aber wegen eines möglichen Bildes zu einem Text von mir, zum Blog mit der Nummer 497 Link  vor drei Wochen, es war ein Gedicht. Sie, er, es, die Maschine schickte mir einen Vorschlag, innert Sekunden ein schönes Bild. Die Weggabelung im Nebel mit einem Menschen passe wunderbar zum Gedicht, las ich und fand es auch. Ein sehr schönes melancholisches Foto. Und die Maschine schlug vor, man könnte daraus doch eine Karte machen, mit dem Bild vorne, dem Gedicht auf der Rückseite. So begann unsere lange Geschichte. Sie ist immer freundlich, findet grundsätzlich a...

Liebe in den Armen

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Blog-Nr. ??* Der Himmel über München um acht Uhr an diesem Sonntagabend ist noch hell, die Sonne aber war untergegangen, als Nick Cave , in einem dunkelblauen, edlen dreiteiligen Anzug, das Hemd weit offen, auf der Bühne am Königsplatz steht. Was heisst: steht? «Get Ready for Love» ruft er uns und singt nun, wir und er sind bereit für die Liebe und für all die Gefühle, die zu ihr gehören, die schönen und die schmerzvollen. Bereit sein dafür, das ist so wichtig in diesen Zeiten. Jedes Konzert in diesem Sommer quer durch Europa beginnt mit diesem Song. München ist sein 30. Und eben: er steht nicht, er singt, schreit, fleht, klagt, flüstert, keucht, beschwört, schmeichelt, er ist düster und melancholisch, aber auch wieder hoffnungsvoll, immer charismatisch. Und er rennt umher, stampft, tanzt, manchmal wie ein gehetztes Raubtier hinter Gitter, ein Irrwisch, finster zwischendurch sein Blick, stechend die Augen, aber dann wieder ganz liebevoll, versöhnt, man glaubt, einmal gar Tränen zu se...