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Eine Zehntelssekunde

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Blog-Nr. 516 Wir kennen uns schon lange, sassen gemeinsam auf Fussballtribünen, jetzt spielten wir zum ersten Mal mit- oder besser gegeneinander Pingpong, dieses wunderbare Spiel mit dem Ball. Wir bewegten uns wie ein alter Hase und ein junges Reh, denn er ist fast 20 Jahre jünger, hatten Spass und auch viel Ehrgeiz. Das Ergebnis ist unwichtig. Sobald wie möglich wieder, sagten wir. Und dann, nach dem Spiel, ohne Ball jetzt, ein Glas getrunken, nur eines, passierte es: Ein falscher Tritt, vielleicht beschwingt vom Spiel, nicht vom Glas, aus 20 Zentimetern Höhe, eingeknickt, ein Schrei, offenbar ein lauter, besorgte Menschen rundherum, lange nicht gewagt aufzustehen und dann aber gespürt, da stimmt etwas im Fuss ganz und gar nicht mehr. Am anderen Tag: Notfall, weil die Praxis kurzfristig keinen Termin frei hatte, Röntgen, CT, wenigstens die Knochen heil, die Bänder aber zumindest angerissen. Haben Sie Geduld, es kommt schon wieder. Die liebe Ärztin schmunzelte. Ich weniger. Und dann, m...

Wer war Dylan?

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Blog-Nr. 515 KI-Bild Es war am Nachmittag nach dem Konzert von Bob Dylan im Hallenstadion. Ich sass im Bistro Bohemia am Kreuzplatz in Zürich und schrieb den Text für meinen Blog. Ich hatte schon einen Text für Facebook verfasst, tief in der Nacht und leicht ermüdet. Doch wie immer: Liest man es am anderen Tag nochmals, denkt man, es hätte besser, zumindest anders sein müssen. Neben mir sassen drei Frauen im Gespräch, und da sagte plötzlich eine: «Waren Sie am Dylan-Konzert?» Sie hatte offenbar gehört, dass ich im Gespräch mit einem Freund den Namen Dylan erwähnt hatte. «Und wie war es?», fragte sie. «Ich schreibe gerade darüber», sagte ich. Sie sagte: «Es war schlimm.» Ich schmunzelte: «Oh, finden Sie». Ich hätte es ganz anders erlebt und würde sehr positiv darüber schreiben. Wir lächelten. Sie war eine sehr freundliche Frau, sagte, sie hätte schon einige Konzerte von Dylan gesehen, liebe ihn eigentlich, seine Musik, seine Texte. Aber diesmal: schrecklich. Nur die Hälfte verstanden,...

Der Geist im Hoodie

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Blog-Nr. 514* Ist er es? Wirklich? Es ist Punkt acht am Sonntagabend, an Allerheiligen, im Hallenstadion in Zürich. Licht an, die Band ist auf der Bühne, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, und dann, nach einer halben Minute, schlurft er hinter dem Vorhang hervor. Er trägt nicht mehr Anzug und Hut wie einst, sondern einen dunklen Hoodie, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Er geht ein paar Schritte zu seinem Keyboard und beginnt zu spielen und zu singen. Das Publikum applaudiert, denn wir wissen, wer er ist. Wir könnten es nochmals auf der Eintrittskarte nachsehen, nicht aber auf dem Handy, das am Eingang in eine Plastiktüte eingetütet wurde. Er ist es: Robert Allen Zimmermann. Bob Dylan. Vor fast genau zehn Jahren gab man ihm den Literaturnobelpreis. Er spielt zum zehnten Mal in Zürich, seine Tour heisst nicht mehr «Never Ending Tour», aber diese geht unverdrossen und scheinbar unendlich weiter, jetzt als «Light of Autumn Tour». Auch dieses Jahr sind es wieder fast 100 Konzerte. Nach...

Texte, Lieder – und Gedichte

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In vier Wochen ist es soweit. Wieder eine Matinee an einem Sonntagmorgen, 29. November, wieder in der Immobilienwerkstatt in Küsnacht , wieder Texte und Lieder. Diesmal aber nicht nur Texte, sondern auch Gedichte.  Fredy Wettstein und Friederike Hempel lesen, Lukas Langenegger spielt und singt. Texte über das Zugfahren, eine Insel, Musik, einen Yoga-Retreat, Erfahrungen mit GTP oder auch zwei, die im Fussball denken, was der andere vielleicht denkt; Gedichte über Liebe, die Zartheit des Lebens und die Kraft, die Welt zu verändern; Songs von (vielleicht, nicht nicht bestimmt) Dylan, Springsteen, Cohen, Mani Matter, Endo Anaconda, Züri West oder den Beatles. Um elf Uhr beginnt die musikalische Lesung, eine Pause dazwischen, zweimal je vier Texte, Gedichte und Lieder. Es gibt zuerst Kaffee und Gipfeli, später Salami, Gebäck und Kuchen und anderes zu trinken. Türöffnung 10.30 Uhr. Eintritt 25 Franken, inkl Essen, exkl Trinken. Vor Ort bar oder twinten. Die Immobilienwerkstatt liegt...

Nighthawks in Erlenbach

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Blog-Nr. 513* Nicht New York. Ein Dorf am Zürichsee. Nicht die Greenwich Avenue. Die Schiffländestrasse. Nicht eine dunkle Strassenecke. Am Wasser. Nicht an einer Bar. In einem Bistro. Nicht mitten in der Nacht. Am frühen Abend. Nicht ein Paar, das sich offenbar nichts (mehr?) zu sagen hat, ein einsamer Mann an der Bar und einer dahinter. Es sind drei Frauen. Nicht Isolation und Entfremdung. Ein bisschen Wärme.  Nicht 1942. 2026. Nicht Edward Hopper . Mit dem Handy. Nicht Nighthawks . Ein spontanes Bild.  Ein Donnerstagabend. Früher wartete man hier am See auf die Schiffe, die kamen und gleich wieder abfuhren. Heute bleibt man, meistens länger, als man vorhatte. «Hüsli» heisst das neue Lokal in Erlenbach, und schon der Name sagt es: Das denkmalgeschützte Häuschen ist klein, aber mit viel Charme und Holz, es ist erst seit kurzem eröffnet. Auf beiden Bildern derselbe Blick. Von draussen nach drinnen. Grosse Fenster trennen uns von den Menschen drinnen. Wir beobachten sie aus D...

Gelebtes Leben

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Blog-Nr. 512 Vielleicht wird man von diesem Buch verführt, es so zu lesen. In Etappen, immer wieder mit Pausen dazwischen. Damit man sich Gedanken machen kann, über gelebtes und jetziges Leben. Mit zwischendurch sehnsüchtigen Blicken in die Unendlichkeit des Meeres, im grellen Sonnenlicht der Insel, manchmal auch unter dunklen Wolken am Himmel. Was kommt noch, was will man noch? Und was von dem, was einmal wichtig war, ist es noch? War es je? Auch solche Gedanken kommen dann. Im Buch geht es auch um das, was in einem Leben war. «Die Vergangenheit quält sich in die Zukunft», heisst es irgendwo. Doch die Frage, was noch kommt, ist geklärt. Oder entschieden. «In die Schweiz» h eisst das Buch der gefeierten Autorin Emma Cline, 37. Es ist interessanterweise zuerst auf Deutsch und erst kürzlich auf Englisch erschienen, «Switzy» heisst es im Original. David Hastings, Mitte 70, ist ein erfolgreicher und vermögender Unternehmer. Er steigt in New York in den Privatjet eines Geschäftsfreundes, ...

Beobachtungen am Pool

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Blog-Nr. 511 Eine Espresso-Kolumne* Sie hatten sich nach langer Zeit, so lange wie nie mehr, seit sie einst mit ihrem wöchentlichen Ritual begonnen hatten, endlich wieder zu ihrem morgendlichen Espresso getroffen. Das «Totò» im Seefeld ist wegen der Renovation des ganzen Hauses weiterhin geschlossen. Das «Bohemia» ist für Bruno , den seit kurzem ergrauten Werber im Ruhestand, eine schöne Alternative geworden. Aber Luca , der Architekt, klagt über zu viele Projekte, die ihn noch beschäftigen, obwohl er eigentlich längst nicht mehr arbeiten müsste. Genauer gesagt ist es seit fünf Jahren dasselbe Projekt. Aber der wahre Grund ist ein anderer: Er jammert über die rot-grüne Regierung in Zürich und die Parkplätze, die immer weniger werden, auch am Kreuzplatz, sagt er. Aber jetzt sitzen sie wieder einmal im «Bohemia», die Trams fahren vorbei, der Zweier und der Vierer, was Luca irritiert. Die gehören doch ins Seefeld, sagt er. Jasmin nimmt die Bestellung auf, wie immer, sagt sie, sie kennt d...

Poesie am Himmel

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Blog-Nr. 510* Was ist es, was uns so fasziniert? Jeden Abend wieder, wenn nicht dicke Wolken alles verhüllen. Aber in diesem endlosen Sommer oft und überall, auch jetzt wieder. Es wäre eigentlich Herbst, es ist mitte Oktober, aber wir fühlen uns immer noch sommerlich, im Süden auf der Insel Mallorca. Wir bleiben abends stehen, schauen zu, überwältigt. Ein Ahhh und ohhh, sagen oder denken wir, zumindest. Bleiben am Ufer und schauen hinaus zum Horizont. Oder halten den Moment fest mit unserem Taschenfotoapparat.  Es sind die Farben. Das Gelbliche, das langsam golden wird, das Orange, das sich ins Rot verwandelt. Und alles spiegelt sich im Blau, das auch immer wieder ein anderes Blau ist, im Meer, begleitet vom Rauschen der Wellen.  Poesie am Himmel. Doch es ist mehr als das. Da vergeht etwas, es verschwindet etwas, es verabschiedet sich etwas von uns. Es sagt Tschüss. Auf die schönste Art, ganz langsam, lieblich, sanft. Und wir wissen: Bald ist es nicht mehr da. Die letzten Töne...