Stolz vereint am Idaplatz

Blog-Nr. 491




Früher, als ich noch berufshalber in der ganzen Welt die Stadien besuchte, war ich immer früh dort, und ich liebte diese Atmosphäre, wenn zuerst noch Stille herrschte und die Tribünen sich langsam füllten und zu leben begannen und es laut wurde. Und ich blieb auch meistens lange in den Stadien, schreibenderweise, und auch diese Stimmung war immer besonders, die Tribünen wieder leer, aber mit einer Geschichte in der Luft und dem Geruch des Spiels, den Bildern im Kopf.

Nicht alle Bildschirme waren gross

Das Stadion war in dieser Nacht wieder der Idaplatz im Quartier Wiedikon in Zürich. Und ich war früh dort, die Sonne dieses Dauersommers hinter der Stadt eben erst untergegangen, aber jetzt waren schon viele da, sehr viele, und ich und sie gingen erst mehr als acht Stunden später, noch nie war ich so lange in einem Stadion, das der Idaplatz nun auch war, die Sonne ging im Osten wieder langsam auf, die Stadt erwachte – nein, das stimmte diesmal nicht: sie ging schlafen.

Ein Land ging schlafen.

Die Angestellten der Sportsbar Calvados räumten die Flaschen und Gläser und sonst alles von den Tischen, stumm, müde. Noch waren die vielen Bildschirme eingeschaltet, diskutierten sie am TV über das, was nicht mehr zu ändern ist, doch niemand hörte ihnen mehr zu. Es war ja auch, obwohl das Spiel erst 20 Minuten zuvor abgepfiffen wurde, fast niemand mehr da. Kurz zuvor waren es mehrere Hundert gewesen.

Der Jubel nach dem 1:1

Aber es hätte auch sein können: Niemand wäre jetzt schlafen gegangen, die Stadt, das Land, hätte weiter gefeiert, gejubelt, gehupt, gesungen, gelebt.

Jetzt wurde höchstens gejammert, aber nicht einmal das richtig, oder höchstens leise, getrauert mehr. Es wäre doch möglich gewesen. Wenig hat gefehlt. Ein Moment, über den sie jetzt alle reden, hat alles verändert.

Müdigkeit ist auch ein Ausdruck von Gefühlen. Wir waren müde, und hätte es anders geendet, wären wir hellwach geblieben, neue, gefüllte Flaschen wären auf den Tisch gestanden, und Menschen, die sich nicht kennen, hätten sich umarmt, den ganzen Sonntag lang.

Menschen, die sich vorher nicht kannten.

Sie sprachen schwiizerdütsch, aber viele auch ganz andere Sprachen, englisch, spanisch, portugiesisch, albanisch, slawisch, ein Sprachengewirr war es, aber viele, fast alle, trugen etwas Rotes oder gar Leibchen mit Namen drauf, Akanji, Manzambi, Xhaka, Embolo, Rodriquez, Vargas, ein ganzes Nationalteam auf dem Idaplatz. Sicher nicht alle hier waren Schweizer, doch alle fühlten sich als Schweizer oder wenigstens mit der Schweiz.

Der Jubel der Argentinier

Fussball verbindet. Und ich überlegte einmal, als ich nicht nervös und fiebernd und zitternd auf einen der vielen Bildschirme schaute: Was ist es, was plötzlich ein Land so vereint, für ein paar Nächte und Tage und jetzt seit drei Wochen?

Nationalstolz?

Nein.

Der Bayer Werner Schmidbauer singt das Lied «Stolz drauf», und es beginnt so: «I bin ned stolz drauf, wo i her bin/ weil ich dafür überhaupt nis ko».

Und es heisst später: «I bin ned stolz drauf, wo i her bin/ so wenig wia i mi dafür scham».

Es ist wohl so, und es hängt vielleicht auch mit unserer jetzigen, in vielem so düsteren Zeit zusammen, mit den immer wieder schlechten Nachrichten und Ängsten: Es ist schön, und es tut gut und wir sind so dankbar, dass wir in Momenten wie in dieser Nacht auf dem Idaplatz und anderswo alles andere vergessen können, verdrängen. Schon früher war das so, aber in der jetzigen Weltlage ist es noch wichtiger.   

Nicht, weil wir stolz auf ein Land sind, aber weil wir uns verbunden fühlen, der Fussball, die WM, uns die Gelegenheit gibt, gemeinsam etwas zu erleben, als Familie, auch wenn wir den oder die neben uns auf dem Idaplatz bisher gar nicht kannten.

Diese WM. Ausgerechnet diese WM. Bei der wir uns vorher doch fragten: Schauen wir überhaupt zu? Wollen wir das noch? Und es hundert Gründe gegeben hätte, uns zu verweigern.

Zweimal wurde laut gepfiffen und gebuht auf dem Idaplatz, in jenem Moment, als der Glatzköpfige aus dem Wallis im TV eingeblendet wurde.

Aber sonst: Es war friedlich, es war eindrucksvoll, eben verbindet, es war laut und einfach schön.

Morgens kurz nach sechs: Abräumen

Einfach mit einem bitteren Ende, früh morgens, als die Sonne aufging über Zürich. Und Breel Embolo in einer Kabinenecke des Stadions von Kansas City ein weinendes Elend war. Er hätte in diesem einen Moment kein Schauspieler sein dürfen.

Und vielleicht hätten wir dann weiter geträumt. Als Schweizer. Oder sich nur als Schweizer fühlend.


Ausgeträumt



Nächste musikalische Lesung:
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