No einisch der gliich Diego si
Blog-Nr. 485
Ein Buchtipp: «Mit linggs» von Pedro Lenz
Es ist WM, auch in Mexiko, auch im Aztekenstadion, und weil damit so manches in den Kopf kommt, über den Fussball von damals, und weil man dabei denkt, es fehlen heute Figuren von einst, auch weil es früher ein Turnier mit weniger Mannschaften war, mit 16 oder 24 und nicht 48, mit weniger Spielern, die man sich merken konnte, aber natürlich vor allem mit einem; und eben Mexiko, eben das Aztekenstadion, dieser 22. Juni 1986, ein Sonntag, Argentinien gegen England: Diego Armando Maradona und seine beiden Tore, mit dem Fuss und der Hand Gottes, und wie der uruguayische TV-Reporter auf der Tribüne in sein Mikrofon schrie: «Genio, genio, genio… ta, ta, ta goooooooool! Quiero llorar, Dios santo, viva el fútbal… golaaaazooo Diegoool!»
Alles das steht in spanisch auf zwei Seiten in diesem Buch, aber sonst ist alles auf Berndeutsch geschrieben, und dann heisst es so: «Genie, Genie, Genie… Ta, ta, ta Goooooooool! I wett gränne, Heilige Gott, lang läb der Fuessbau… es Riiiiiesegoou, Diegooooooou!»
Es ist das Buch des Berner Mundartautors Pedro Lenz, «Mit linggs» in Anlehnung an Maradonas magischen linken Fuss. Es ist kein Roman, keine Biografie, es ist ein Langgedicht, ausser dem Prolog und dem Epilog geschrieben, als würde Maradona über sein Leben selber erzählen, in der Ich-Form, also doch irgendwie eine Biografie, eben die Geschichte dieses wenn nicht besten, dann sicher aussergewöhnlichsten Fussballer in der Geschichte. Sein Leben rhythmisch erzählt, wunderbar auf Lenz-Art.
Und noch schöner ist es, Lenz zu hören, anstatt ihn zu lesen. Er ist ab Herbst wieder auf Tour zusammen mit den Musikern Simon Ho und Jonatan Blaty, und dann wird das Buch zum Bühnenstück.
Lenz hat Maradona nie live spielen gesehen, aber auf Youtube viele Filme und Dribblings und Tore von und Interviews mit ihm, und so ist diese Liebeserklärung an Maradona entstanden, eine poetische Hommage an einen, bei dem das Spiel mit dem Ball auch Poesie war.
Der Fussball, sagt YB-Fan Lenz, erlaube ihm jedes Mal aufs Neue, für 90 Minuten Kind zu sein und die Empfindungen der Kindheit nachzuleben. Und Maradona habe ihn gelehrt, dass Fussball in den besten Momenten nicht nur ein Sport, sondern eine Kunstgattung sei.
Lenz verherrlicht Maradonas Karriere nicht, er schreibt – oder lässt Maradona erzählen – auch über die dunklen Seiten seines Lebens, Kokain, Spitalaufenthalte, seine Abstürze.
Aber er schreibt dann – oder Maradona sagt:
«I ha zum Herrgot gseit
wenn er mi no einisch
uf d Wäut lies lo cho
de wett i am liebschte
genau ds gliche Läbe
i wett nüt angers
i würd no grad einisch
genau der gliich Diego wöue si»
Es lohnt sich also, jetzt das Buch zu lesen, jetzt während dieser WM, die viel zu lange dauert, und es manche Gründe gäbe, einfach wegzusehen
Und es keinen Maradona mehr gibt. Es gab nur ihn.
Pedro Lenz: «Mit linggs». – Verlag Der gesunde Menschenverstand. – 118 Seiten.
Link:
Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
NEU
Eine Webseite
zum Blog, mit immer wieder aktuellen Fotos
und Tipps zu Bücher, Konzerten, Filmen, Orten
Den Blog «Wieder im Auge»
kostenlos abonnieren oder
auf Facebook folgen und lesen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen