Lesung mit Chor

Blog-Nr. 461


Es war klar, schon damals im Theater Rigiblick, zwei Tage nachdem Bruce Springsteen sein «Streets of Minneapolis» veröffentlich hatte, dieses so bemerkenswerte und wichtige Lied, und Lukas Langenegger es zusammen mit der Band kurz übte und abends sang: Lukas muss es auch an unserer musikalischen Lesung in der Immobilienwerkstatt in Küsnacht vortragen.

Und er tat es, zusammen mit meinem Schwiegersohn Ravin Marday, ganz am Schluss, es gab grossen Applaus, und bald wird Springsteen mit seiner E Street Band im Amerika auf eine zweimonatige Tournee gehen, und er sagt dazu: «Wir werden eure Stadt rocken zur Verteidigung Amerikas, der amerikanischen Freiheit, unserer Verfassung und unseres heiligen Traums. Alles wird von unserem Möchtegern-König und seiner Schurkenregierung in Washington D.C. attackiert.»

Es war das Wochenende, als die Welt durch den Angriff auf den Iran noch etwas mehr in Aufruhr und Angst geriet, als sie es schon zuvor war, und so war die vielleicht schönste Reaktion einer Besucherin nach der Lesung: «Es war ein wahres Glück und tat so gut in diesen Zeiten.»

Lukas sang nicht nur Springsteen, sondern wie stets ganz verschiedene Lieder, und man hat jeweils das Gefühl, man höre auch etwas die Stimme des ursprünglichen Interpreten, bei Dylan, bei Cohen, bei Kuno Lauener von Zürich West, bei den Beatles, bei Endo Anaconda und seinem wunderbaren «Walliselle»; nur bei Eduardo Bennato und Gianna Nannini und ihrem «Un’ estate italiana» bat Lukas um Unterstützung, und alle sangen oder murmelten beim Refrain mit, eine musikalische Lesung mit Chor also.

Im Publikum war auch der Komiker und Schauspieler Beat Schlatter zusammen mit seiner Ehefrau Mirjam Fischer, und so stellte ich das Programm nochmals etwas um, las den Text: «Schlatter flitzt, Schawinski schreit», eine fiktive Geschichte zur Eröffnung des Zürcher Fussballstadions, das längst gebaut werden müsste und auf das wir wohl noch lange warten müssen.

Und Ursula Gut, frühere Zürcher Regierungsrätin und Gemeindepräsidentin von Küsnacht, und ihr Mann Ulrich E. Gut waren unter den gegen 80 Besuchern, und vielleicht hätte es ohne ihn diese Lesung nicht gegeben, wäre ich nie Journalist geworden. Ich war sechs Jahre zusammen mit ihm in Küsnacht in die Schule gegangen, und später, an einem Samstagmorgen, ich weiss noch genau, es war ein grauer Tag im November, hatte ich ihn zufällig auf der Dorfstrasse in Küsnacht wieder getroffen. Er wusste, dass ich manchmal für die Zürichsee Zeitung kleinere Berichte schreibe, sein Vater war Verlagsleiter, sein Onkel Chefredaktor der Zeitung, und so fragte Ueli: «Hättest du Lust, einmal auf der Redaktion zu schnuppern?»

Ich hatte, blieb, und Schreiben wurde zum Beruf.

Und so war auch für mich klar, dieses Gedicht, vielleicht besser: diese kurzen Zeilen wollte ich lesen, ich schrieb sie, als ich 18 war und die Zürichsee-Zeitung noch wöchentlich eine «Seite der Jugend» hatte. Nie dachte ich damals, dass es auch abgedruckt würde, doch einige Monate später entdeckte es erst meine Mutter, und ich war so stolz:

  


(«Wir hoffen auf eine Beendigung des Konfliktes im Nahost»: 1971 war das, 55 Jahre später sind wir nicht weiter.)

Es gab in der Immobilienwerkstatt wie immer Salami, wie immer extra fein geschnitten von Mitinhaber Michi Blaser, es gab einiges anderes, und dieser Sonntag, der Tag, als der Frühling begann, wenigstens meteorologisch, war für mich von morgens früh bis abends sehr spät ein Glückstag oder ein Geschenk.

Der Abschied in der Immobilienwerkstatt

Ich durfte «Hemmige» oder auch «Campari Soda» zweimal hören, über Mittag von Lukas Langenegger mit Gitarre und am Klavier, und abends im wieder eröffneten Palais Mascotte beim Bellevue. Martin Suter, geboren an einem 29. Februar, feierte seinen und vor allem den Geburtstag seiner verstorbenen Frau Margrith mit einem grandiosen  Fest, «Die Nacht am Bellevue», stand auf der Einladung. 

 
Und es wurde eine unvergessliche fast-Vollmond-Nacht.

Eine Sopranistin Cinzia Zanovello trat auf, der Tenor Julian Prégardien, Michael von der Heide, der Performance-Poet Jürg Halter, Pianist David Cogliatti und Stephane Eicher mehr als zwei Stunden lang, auch mit einem neuen Lied, das er zusammen mit Martin Suter für ihr «Songbook 2» plant – und eben mit Mani-Matter-Liedern und dem wunderbaren Roman Nowka an der Gitarre zur Seite.

«Hemmige» und auch das «Ds Zündhölzli» mit den letzten Zeilen, die in düsteren Zeiten zuversichtlich machen sollen

I han es Zündhölzli azündt/
Und das het e Flamme gäh/
Und i ha für d'Zigarette/
Welle Füür vom Hölzli näh/

Aber ds Hölzli isch dervo-/
Gspickt und uf de Teppich cho/ -
Gottseidank dass i's vom Teppich wider furt ha gno

Musik tut so gut. Gerade in diesen Zeiten. Mit vielen Geschichten an einem Sonntag, die nachklingen. Danke allen.

Der Abschied im Bellevue




Nächste musikalische Lesungen:

23. Mai, 18 Uhr, Gasthaus zum weissen Rössli, Mettmenstetten
Anmeldungen (es hat noch knapp 20 Plätze):

Wer nachher Essen mag (sehr zu empfehlen)


29. November, 11 Uhr, Wieder Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen 
fredy.wettstein@gmail.com


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