Verlorene Heimat
Blog-Nr. 460
Jasmin, Oliver, Toni, Malik, Antonio, Jenny, Emilija, Martin, Jan, Younes, Ahmad, Balazs, Bar, Ytalo, Zdenek – ich habe vielleicht noch jemand vergessen.
Oder: Sarah, Hans, Katharina, Heinz, Ursi, Walti, Adrian, Irene, Martin, Herby, Yvette, Franziska, Peti, Fritz, Lioba, Joe, Murat, Ruedi, Helen, Lizzy, Vanessa, Michi, Urs, Sabine, Walti, Andreas, Michelle, Karen, Pilar, Roger, Sétarée.
Es sind Namen.
Einige kenne ich besser, andere weniger oder fast gar nicht. Ich habe mit ihnen gesprochen oder ihnen vielleicht nur lieb zugelächelt oder einfach freundlich gegrüsst. Oder eben, die ersten Namen, sie arbeiteten.
2 und 4.
Das sind Zahlen.
Sie fehlen. Die Namen und die Zahlen.
Oder richtig: Die Namen werden seit gestern Nacht nicht mehr da sein, wo ich sie manchmal getroffen habe, die beiden Zahlen sind schon früher verschwunden.
Die lieben Menschen sind nicht mehr im Totò, können nicht mehr dort sein, in diesem Bistro oder Ristorante, diesem Cafe oder dieser Bar im Seefeld, bei der Höschgasse, genauer Lindenstrasse, an der Ecke.
Das Totò ist geschlossen, seit diesem Samstagnacht um ein Uhr, für mindestens anderthalb, vielleicht gar zwei Jahre, wegen einer Renovation des ganzen Hauses. 2027 öffnen wir wieder, sagen sie, das kann aber auch Dezember 2027 heissen.
Die Zahlen, 2 und 4, waren schon früher verschwunden, es sind zwei Tramlinien, beide vom und zum Tiefenbrunnen; sie hielten jeweils direkt vor dem Lokal, Haltestelle Höschgasse. Der Zweier, rot, fuhr jeweils zum Letzigrund, der Vierer, blau oder blauviolett, einst zum Hardturm.
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| Kein Zweier mehr im Seefeld |
Es waren schon als Kind meine beiden Trams, die beiden Fussballtrams, zu den Grasshoppers oder zum FCZ.
Sie fahren inzwischen auf anderen Linien.
Und damit eben: Verloren. Das Gefühl von Heimat.
Ein Ort, der zu einem gehört, seit langem, genau weiss ich es nicht, das Totò wurde im Januar 2001 zum Totò, vorher hiess das Lokal «Drei Linden», es hatte eine Kegelbahn unten im Keller, dort war ich allerdings nie, ich mag mich auch nicht mehr erinnern, wie das Lokal damals von innen ausgesehen hat.
Und Totò heisst es wegen dem italienischen Schauspieler und Komiker Antonio De Curtis, eben Totò.Ein Bild von ihm hängt über einem Tisch beim Fenster, Espresso trinkend, klar, darüber die wunderbare Sophia Loren.
Sie fahren inzwischen auf anderen Linien.
Und damit eben: Verloren. Das Gefühl von Heimat.
Ein Ort, der zu einem gehört, seit langem, genau weiss ich es nicht, das Totò wurde im Januar 2001 zum Totò, vorher hiess das Lokal «Drei Linden», es hatte eine Kegelbahn unten im Keller, dort war ich allerdings nie, ich mag mich auch nicht mehr erinnern, wie das Lokal damals von innen ausgesehen hat.
Und Totò heisst es wegen dem italienischen Schauspieler und Komiker Antonio De Curtis, eben Totò.Ein Bild von ihm hängt über einem Tisch beim Fenster, Espresso trinkend, klar, darüber die wunderbare Sophia Loren.
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| Sophia Loren mehr im Blick als Totò |
Und am Samstagabend also ein letztes Mal. Ein Café am Morgen, ein Espresso, ich muss gar nicht mehr fragen, Jasmin oder jemand anders bringt mir einen, kein Gipfeli, schon lange nicht mehr, wegen der Waage, am Ende waren es drei Espressi, ohne Zucker, ohne etwas, der Café ist anderswo besser, aber hier schmeckt er besser – wegen dem Ort. Das Totò mit den grünen Lederpolstermöbeln, den braunen, runden Holztischen, den Zeitungen, ja, hier hat es noch Zeitungen, NZZ und Tagi, am Mittwoch das Tagblatt, es hat viele, und doch findet man oft keine, alle vergeben, eigentlich ein gutes Zeichen, hier wird noch Print gelesen. Die Menschen sind auch meistens etwas älter.
Man darf mit den Zeitungen und dem Laptop stundenlang hier sitzen, trinkt dann allerdings drei Espressi plus vielleicht manchmal auch etwas anderes, besonders, wenn es später wird. Darf allerdings die Parkuhr nicht vergessen, sonst wird es teuer. Zum Glück ist bald wieder Vespa-Zeit.
– und eben den Menschen, die man kennt und zumindest den Namen weiss oder auch nicht kennt und doch kennt, weil viele immer wieder hier sind, viele eigentlich jeden Tag. Für sie ist das Totò auch eine Heimat, ein zu Hause.
Und am Samstagabend dann hier nochmals gegessen (Menu Ultima Balla, letzter Tanz, hiess es auf der Karte), nochmals getrunken, jetzt nicht mehr gelesen, aber nochmals gelacht, nochmals geredet oder geschwiegen, nochmals genossen und geliebt, die Ambiance, und zuletzt, bei Musik und einem DJ, nochmals getanzt, ein wenig wenigstens. Ich hätte gerne länger, musste aber irgendwann uns Bett, halbwegs ausgeruht sein für die Lesung.
Aber gefeiert, ein letztes Mal.
«Partir, c’est toujours mourir un peu», Abschied nehmen ist ein bisschen Sterben, Katja Ebstein sang einmal ein Lied mit diesem Titel, und so war es gestern Nacht, und wäre heute nicht die Lesung hier, hätte ich das Sterben vielleicht noch etwas hinausgezögert.
Aber gefeiert, ein letztes Mal.
«Partir, c’est toujours mourir un peu», Abschied nehmen ist ein bisschen Sterben, Katja Ebstein sang einmal ein Lied mit diesem Titel, und so war es gestern Nacht, und wäre heute nicht die Lesung hier, hätte ich das Sterben vielleicht noch etwas hinausgezögert.
Aber so ging ich früher, für anderthalb Jahre, wohl eher mehr, zum letzten Mal durch die Tür mit dem weinroten Vorhang, hinaus zur Seefeldstrasse, viele standen und tranken und redeten noch draussen. Und ja, eben, der Zweier und der Vierer, sie fahren schon länger nicht mehr hier.
Die Zahlen heissen jetzt 11 und 15
Aber, Schicksal, Glück, ich muss eine neue Heimat suchen, das Ristorante «Bohemia» oben beim Kreuzplatz könnte eine werden. Und der Zweier und der Vierer fahren jetzt dort, sie kreuzen sich. Der Zweier zum Klusplatz, der Vierer zur Rehalp. Und: Zeitungen hat es auch, das ist wichtig.
Also doch noch nicht sterben.
Die Zahlen heissen jetzt 11 und 15
Aber, Schicksal, Glück, ich muss eine neue Heimat suchen, das Ristorante «Bohemia» oben beim Kreuzplatz könnte eine werden. Und der Zweier und der Vierer fahren jetzt dort, sie kreuzen sich. Der Zweier zum Klusplatz, der Vierer zur Rehalp. Und: Zeitungen hat es auch, das ist wichtig.
Also doch noch nicht sterben.
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| Ein Barsrtuhl als Trost |
Und einen Totò-Barstuhl durfte ich mitnehmen. Als Trost für mindestens anderthalb Jahre. Ich muss irgendwo einen Platz für ihn finden. Aber ich kann ja meine Wohnung nicht einfach Totò nennen. Ohne das Bild von Antonio De Curtis.
Und vor allem ohne jenes von Sophia Loren. Ich bettelte vergeblich darum.
Nächste musikalische Lesungen:
23. Mai, 18 Uhr, Gasthaus zum weissen Rössli, Mettmenstetten
Anmeldungen (es hat noch einige Plätze):
Wer nachher Essen mag (sehr zu empfehlen)
29. November, 11 Uhr, Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen
fredy.wettstein@gmail.com
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