Der Geist im Hoodie


Blog-Nr. 514*




Ist er es? Wirklich? Es ist Punkt acht am Sonntagabend, an Allerheiligen, im Hallenstadion in Zürich. Licht an, die Band ist auf der Bühne, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, und dann, nach einer halben Minute, schlurft er hinter dem Vorhang hervor. Er trägt nicht mehr Anzug und Hut wie einst, sondern einen dunklen Hoodie, die Kapuze tief in die Stirn gezogen. Er geht ein paar Schritte zu seinem Keyboard und beginnt zu spielen und zu singen. Das Publikum applaudiert, denn wir wissen, wer er ist. Wir könnten es nochmals auf der Eintrittskarte nachsehen, nicht aber auf dem Handy, das am Eingang in eine Plastiktüte eingetütet wurde.

Er ist es: Robert Allen Zimmermann.

Bob Dylan. Vor fast genau zehn Jahren gab man ihm den Literaturnobelpreis.

Er spielt zum zehnten Mal in Zürich, seine Tour heisst nicht mehr «Never Ending Tour», aber diese geht unverdrossen und scheinbar unendlich weiter, jetzt als «Light of Autumn Tour». Auch dieses Jahr sind es wieder fast 100 Konzerte.

Nach 102 Minuten schlurft er gebeugt wieder weg, zuvor macht hat er ein paar Schritte Richtung Publikum gemacht, drei Generationen sind im Hallenstadion, und kurz beide Hände erhoben, ohne aber etwas zu sagen. Er sagt nie etwas: Er begrüsst niemanden, verabschiedet sich nicht, stellt seine Band nicht vor. Es gibt keine Screens bei ihm, auch keine Zugaben.

Nur er, die Band – Musik.

In Zürich sind es 18 Songs. Nicht «Blowing in the Wind», nicht «Knockin’ on Heaven’s Door» und auch nicht «Mr. Tambourine Man», andere Stücke: einige sehr alte, andere, die er auf dieser Tour erstmals seit Jahrzehnten wieder spielt, wie immer sind viele musikalisch und textlich abgewandelt.

Bob Dylan sitzt oder steht inzwischen hinter einem Keyboard, nicht mehr wie früher am Piano. Er wirkt fast wie ein Geist vor dem grossen blauen Vorhang, eingereiht zwischen den beiden Gitarristen. Er versteckt sich beinahe, Dylan wollte nie bewundert werden. Man sieht ihn kaum, von der 32. Reihe im Parkett schon gar nicht. Er steht im Dunklen, auf ihn ist keines der vier Lichter gerichtet. Er bleibt auf Distanz, unnahbar.

Es ist ein beeindruckender Abend. Grossartig wie immer ist seine Band mit zwei Gitarristen, die erst seit diesem Sommer dabei sind. Die Stimme des alten Mannes im Hoodie ist klar, manchmal fast zu sanft, 18 Songs spielt er nacheinander, kaum eine Pause dazwischen. Und eben: Nichts lenkt ab, keine Handys in der Luft, keine eingeblendeten Aufnahmen, keine Show. Man sieht ihn kaum oder fast gar nicht, hört ihn und seine Band aber, man gibt sich ganz dem Moment und nur der Musik hin. 

Handys blieben eingeschlossen: Keine Bilder

Einer der schönsten Momente ganz zu Beginn, beim dritten Lied: «It Ain’t Me Babe», vor mehr als 60 Jahren von ihm erstmals gespielt, jemand sagt darin, dass er den Erwartungen des Partners nicht entspricht: «Nein, nein, nein, ich bin es nicht, Babe! Ich bin nicht der, auf den du wartest.»

Wir wissen nie, was uns erwartet, wenn wir ein Dylan-Konzert besuchen.

Michael, ein Freund von mir, der Dylan seit 1978 schon zum 48. Mal erlebte und vor dem Konzert den ewigen Bassisten Toni Garnier treffen konnte, sagt nachher: «Es war einfach wunderschön, Bob Dylan, würdevoll, respektvoll seinen eigenen Liedern gegenüber. Liebevoll behandelt und gesungen mit einigen ganz berührenden Momenten.»

Ich ging hin und dachte, vielleicht ist es ja das letzte Mal, zögerte noch einen Moment, als ich das Ticket gekauft hatte (Dylan! Wie oft wurdest du auch enttäuscht!), verliess das Hallenstadion und dachte: Hoffentlich kommt er noch einmal. «Knockin’ on Heaven’s Door» und nachher «Like a Rolling Stone» wurden jetzt beim Hinausgehen über die Lautsprecher gespielt. 

Wir hatten sie vorher nicht vermisst. Bob Dylan echt, im Hoodie, 85-jährig, war viel schöner.


*Dieser Text erschien zuerst auf Facebook. Er steht hier leicht abgeändert und ergänzt.

Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com


Ein 12-teiliges Kartenset, je einem eigenen Bild 
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Für 16 Franken bei der Lesung oder mit persönlicher Übergabe.
Für 19 Franken schicke ich es Euch gerne zu.
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