Beobachtungen am Pool
Blog-Nr. 511
Sie hatten sich nach langer Zeit, so lange wie nie mehr, seit sie einst mit ihrem wöchentlichen Ritual begonnen hatten, endlich wieder zu ihrem morgendlichen Espresso getroffen.
Das «Totò» im Seefeld ist wegen der Renovation des ganzen Hauses weiterhin geschlossen. Das «Bohemia» ist für Bruno, den seit kurzem ergrauten Werber im Ruhestand, eine schöne Alternative geworden. Aber Luca, der Architekt, klagt über zu viele Projekte, die ihn noch beschäftigen, obwohl er eigentlich längst nicht mehr arbeiten müsste. Genauer gesagt ist es seit fünf Jahren dasselbe Projekt.
Aber der wahre Grund ist ein anderer: Er jammert über die rot-grüne Regierung in Zürich und die Parkplätze, die immer weniger werden, auch am Kreuzplatz, sagt er.
Aber jetzt sitzen sie wieder einmal im «Bohemia», die Trams fahren vorbei, der Zweier und der Vierer, was Luca irritiert. Die gehören doch ins Seefeld, sagt er. Jasmin nimmt die Bestellung auf, wie immer, sagt sie, sie kennt die beiden. Toni bringt den Espresso, schwarz, ohne Zucker, wie immer sagt auch er.
Bruno, braungebrannt, weigert sich weiterhin, Socken zu tragen, obschon draussen die Menschen in dicken Jacken gehüllt vorbeilaufen. Er erzählt von der Zeit auf seiner Insel.
Wieder in deinem Ballermann-Exil, sagte Luca dann jeweils. Bruno hat längst aufgehört, darauf zu erwidern. Er wisse gar nicht, wo Ballermann sei, hatte er früher gesagt, seine Insel sei nur Poesie. Obwohl das heute nicht mehr so ganz stimmt. Zu viele haben längst entdeckt, wie schön es dort sein kann.
Bruno war diesmal zum Abschluss seiner Auszeit, wie er es nennt, an einem neuen Ort, direkt am Meer, und er schwärmt davon, vom Blick in die Unendlichkeit, den sehnsüchtigen Gedanken.
Eine Espresso-Kolumne*
Sie hatten sich nach langer Zeit, so lange wie nie mehr, seit sie einst mit ihrem wöchentlichen Ritual begonnen hatten, endlich wieder zu ihrem morgendlichen Espresso getroffen.
Das «Totò» im Seefeld ist wegen der Renovation des ganzen Hauses weiterhin geschlossen. Das «Bohemia» ist für Bruno, den seit kurzem ergrauten Werber im Ruhestand, eine schöne Alternative geworden. Aber Luca, der Architekt, klagt über zu viele Projekte, die ihn noch beschäftigen, obwohl er eigentlich längst nicht mehr arbeiten müsste. Genauer gesagt ist es seit fünf Jahren dasselbe Projekt.
Aber der wahre Grund ist ein anderer: Er jammert über die rot-grüne Regierung in Zürich und die Parkplätze, die immer weniger werden, auch am Kreuzplatz, sagt er.
Aber jetzt sitzen sie wieder einmal im «Bohemia», die Trams fahren vorbei, der Zweier und der Vierer, was Luca irritiert. Die gehören doch ins Seefeld, sagt er. Jasmin nimmt die Bestellung auf, wie immer, sagt sie, sie kennt die beiden. Toni bringt den Espresso, schwarz, ohne Zucker, wie immer sagt auch er.
Bruno, braungebrannt, weigert sich weiterhin, Socken zu tragen, obschon draussen die Menschen in dicken Jacken gehüllt vorbeilaufen. Er erzählt von der Zeit auf seiner Insel.
Wieder in deinem Ballermann-Exil, sagte Luca dann jeweils. Bruno hat längst aufgehört, darauf zu erwidern. Er wisse gar nicht, wo Ballermann sei, hatte er früher gesagt, seine Insel sei nur Poesie. Obwohl das heute nicht mehr so ganz stimmt. Zu viele haben längst entdeckt, wie schön es dort sein kann.
Bruno war diesmal zum Abschluss seiner Auszeit, wie er es nennt, an einem neuen Ort, direkt am Meer, und er schwärmt davon, vom Blick in die Unendlichkeit, den sehnsüchtigen Gedanken.
Er beginnt zu erzählen.
Das neue Hotel habe zwei Pools, einen im elften Stock und einen direkt am Meer. Jener am Meer sei geformt wie eine lange Banane. Er sei auf der einen Seite in einem Stuhl gesessen, und auf der anderen hätten jene auf ihren Liegen gelegen, unter Sonnenschirmen.
Und dieses Bild. Jede und jeder – oder fast jede und jeder – habe im grellen Sonnenlicht das Handy in der Hand und vor Augen gehabt. Und er habe lange beobachtet und sich bei allen seine Gedanken gemacht. Man konnte sich ja allerlei vorstellen.
Eine, sie war jung, schmunzelte ständig vor sich hin, mit breiten Mundwinkeln, ihre Augen strahlten: Verliebt?
Einer mit sehr ernstem Gesicht, kopfschüttelnd und manchmal etwas auf einem kleinen Notizblock schreibend: Aktienkurs runter? Oder schlechte Nachrichten von seiner Frau, die zu Hause geblieben ist, vielleicht leben sie in Scheidung?
Einer, er sass neben seiner Frau, Bruno nahm jedenfalls an, es sei seine Frau, gesprochen hätten die beiden miteinander nie, wischte ständig auf seinem Handy nach links und wieder nach rechts. Er hielt das Handy diskret verdeckt, so, dass niemand etwas sehen konnte, vor allem seine Frau nicht. Er lächelte manchmal, etwas verlegen, und manchmal schüttelte er den Kopf: Hm? Bruno fragte sich, was dieser Mann wohl sah und prüfte. Eine andere Frau? Oder doch nur die Fussballresultate?
Eine, älter, aber nicht alt, eine sehr elegante Frau, strickte und sah immer wieder auf ihr Handy: Eine Vorlage?
Eine, sehr jung, immer strahlend, hielt ihr Handy ständig vor das Gesicht, posierte, schaute einmal nach links, dann nach rechts, dann, das Handy etwas höher haltend, zum Himmel, drückte mit der anderen Hand auf das Gerät: Klar.
Zwei, verliebt sahen sie aus, sein linker Arm strich ständig über ihr rechtes Bein, sassen gemeinsam auf einer Liege, schauten zusammen auf einen Laptop, gespannt und amüsiert zugleich: Wohl ein Film.
Verrückt sei das doch, sagt Bruno jetzt zu Luca, nachdem er von seinen Beobachtungen am Pool beim Meer erzählt hat. Früher, da hätten viele in solchen Momenten ein Buch in der Hand gehabt, oder zwei hätten miteinander geredet, auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr viel zu sagen hatten. Oder man hätte es einfach genossen, die Sonne, das Rauschen des Meeres, den Wind, den blauen Himmel, den Sommer im Oktober.
Und jetzt?
Luca hört ihm zu, sieht aber, wie Bruno in seine Vestontasche greift und das Handy hervornimmt.
Eben noch hatte er von seinen Tagen auf der Insel erzählt, von diesem beliebten Restaurant in einem schönen Dorf, in dem an den Wänden viele Dutzend Fotos hängen, unter anderem von Nadal und dem spanischen König, der offenbar auch schon dort gegessen hat, und immer wieder vom Meer, wie es immer wieder anders aussehe, die Farben wechseln.
Das neue Hotel habe zwei Pools, einen im elften Stock und einen direkt am Meer. Jener am Meer sei geformt wie eine lange Banane. Er sei auf der einen Seite in einem Stuhl gesessen, und auf der anderen hätten jene auf ihren Liegen gelegen, unter Sonnenschirmen.
Und dieses Bild. Jede und jeder – oder fast jede und jeder – habe im grellen Sonnenlicht das Handy in der Hand und vor Augen gehabt. Und er habe lange beobachtet und sich bei allen seine Gedanken gemacht. Man konnte sich ja allerlei vorstellen.
Eine, sie war jung, schmunzelte ständig vor sich hin, mit breiten Mundwinkeln, ihre Augen strahlten: Verliebt?
Einer mit sehr ernstem Gesicht, kopfschüttelnd und manchmal etwas auf einem kleinen Notizblock schreibend: Aktienkurs runter? Oder schlechte Nachrichten von seiner Frau, die zu Hause geblieben ist, vielleicht leben sie in Scheidung?
Einer, er sass neben seiner Frau, Bruno nahm jedenfalls an, es sei seine Frau, gesprochen hätten die beiden miteinander nie, wischte ständig auf seinem Handy nach links und wieder nach rechts. Er hielt das Handy diskret verdeckt, so, dass niemand etwas sehen konnte, vor allem seine Frau nicht. Er lächelte manchmal, etwas verlegen, und manchmal schüttelte er den Kopf: Hm? Bruno fragte sich, was dieser Mann wohl sah und prüfte. Eine andere Frau? Oder doch nur die Fussballresultate?
Eine, älter, aber nicht alt, eine sehr elegante Frau, strickte und sah immer wieder auf ihr Handy: Eine Vorlage?
Eine, sehr jung, immer strahlend, hielt ihr Handy ständig vor das Gesicht, posierte, schaute einmal nach links, dann nach rechts, dann, das Handy etwas höher haltend, zum Himmel, drückte mit der anderen Hand auf das Gerät: Klar.
Zwei, verliebt sahen sie aus, sein linker Arm strich ständig über ihr rechtes Bein, sassen gemeinsam auf einer Liege, schauten zusammen auf einen Laptop, gespannt und amüsiert zugleich: Wohl ein Film.
Verrückt sei das doch, sagt Bruno jetzt zu Luca, nachdem er von seinen Beobachtungen am Pool beim Meer erzählt hat. Früher, da hätten viele in solchen Momenten ein Buch in der Hand gehabt, oder zwei hätten miteinander geredet, auch wenn sie sich vielleicht nicht mehr viel zu sagen hatten. Oder man hätte es einfach genossen, die Sonne, das Rauschen des Meeres, den Wind, den blauen Himmel, den Sommer im Oktober.
Und jetzt?
Luca hört ihm zu, sieht aber, wie Bruno in seine Vestontasche greift und das Handy hervornimmt.
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| Das «Bohemia» am Kreuzplatz |
Eben noch hatte er von seinen Tagen auf der Insel erzählt, von diesem beliebten Restaurant in einem schönen Dorf, in dem an den Wänden viele Dutzend Fotos hängen, unter anderem von Nadal und dem spanischen König, der offenbar auch schon dort gegessen hat, und immer wieder vom Meer, wie es immer wieder anders aussehe, die Farben wechseln.
Doch jetzt schaut Bruno minutenlang nur noch in das kleine Gerät, murmelt irgendetwas und ist total abwesend.
Früher, sagt jetzt Luca, da hätten wir im Bistro nach dem dritten Espresso eine Zeitung genommen – sie liegen hier an einem Ständer an der Wand, im «Totò» sind sie jeweils auf der Bar gelegen –, wir hätten gelesen und vielleicht miteinander darüber gesprochen, was wir eben gelesen haben.
Bruno hört gar nicht mehr zu, sagt auch nichts. Blickt nur auf sein Handy.
Früher, sagt jetzt Luca, da hätten wir im Bistro nach dem dritten Espresso eine Zeitung genommen – sie liegen hier an einem Ständer an der Wand, im «Totò» sind sie jeweils auf der Bar gelegen –, wir hätten gelesen und vielleicht miteinander darüber gesprochen, was wir eben gelesen haben.
*Die Espresso-Kolumne erschien früher im Tages-Anzeiger
und lebt jetzt in diesem Blog manchmal weiter.
LINK zu früheren Espresso-Kolumnen
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