Beobachter des Lebens

Blog-Nr. 409

Ein Leben für Geschichten – Silvio Blatter und sein neues Buch




Dieser Text zu einem Buch ist nicht objektiv. Aber können das Meinungen über Bücher überhaupt sein? Jede und jeder liest und sieht doch bei Büchern wieder etwas anders.

Ich kenne Silvio Blatter gut, den Schriftsteller aus Bremgarten. Ich mag ihn, wie er schreibt, wie er Geschichten erzählt, wie er formuliert. Vor vielen Jahren hatten wir ihn gebeten, Kolumnen im Sportteil des Tages-Anzeigers zu schreiben. Ich liebte seine Kolumnen.

Eine besonders – und jetzt wird es ganz persönlich. Mit «Lieber Fabio Galli» begann sie, «seit Wochen lese ich von Dir und den Freuden und Leiden Deiner Famiglia.»

Fabio Galli war ich, oder der Name meiner täglichen Kurz-Kurz-Geschichte im Tagi hiess damals so. Ich schrieb in wenigen Sätzen über das Leben dieser Familie während «Italia Novanta», der (wunderbaren) Fussball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien, der WM von Totò Schillaci, des italienischen Stürmers, und wie Fabio, sein Vater und seine Mutter mit ihm feierten, bangten, jubelten und litten.

Silvio Blatter begann seine Kolumne damals so: «Ich wohne in Zurigo, im Kreis 5, in «little italy». Wir fiebern mit. Der Fussball ist nah, dank des Fernsehens. Er hebt Distanzen auf, ob in Rom oder Zurigo, alle sind gleich live dabei. Dieser Fussball. Kriege werden unterbrochen. Der Papst verkürzt die Heilige Messe und segnet Schiedsrichter. So ein Tamtam. Ich wundere mich nicht, wenn einmal ein Ball aus meinem TV-Gerät fliegt, oder ein Schienbeinschoner ….»

So schrieb und schreibt Silvio Blatter. Er sagte einmal in einem Interview: «Früher habe ich auf die Frage, warum ich schreibe, immer gesagt: Ich weiss es nicht. Heute weiss ich es genau: Ich mache es gern. Es ist ein toller Zustand, am Schreibtisch zu sitzen und in einem Text zu verschwinden. Man ist dann ganz bei sich und denkt trotzdem nicht über sich selbst nach. Wenn ich nicht mehr schreiben könnte, würde mir etwas fehlen. Ich hoffe deshalb, dass ich es noch lange machen kann.»

Man spürt, wenn man Blatter liest, seine Lust am Schreiben, sein Suchen nach den richtigen Worten und Sätzen. Er ist ein Beobachter des Lebens, der Menschen, der Zufälle, die ein Leben beeinflussen, kippen oder tragen.

Tages-Anzeiger vom 23. Juni 1990

Sein 20. Buch ist kein Roman, sondern eines mit 12 Erzählungen, «Für die Vögel».

Vögel hätten, sagt Blatter, in seinem Leben immer wieder eine Bedeutung gehabt, und sie kommen auch in diesem Erzählband, seinem zweiten, mehrmals vor.

Blatter schreibt über Figuren an Wendepunkten: einen Musiker, der in Chicago den Blues entdeckt, eine Sportschützin, die ihre Sehschwäche mit einer KI-Brille korrigieren will, einen Mann, der in Genua begreift, wie knapp er nach dem Einsturz der Brücke dem Tod entronnen ist, einen Mann, der seine demente Frau betreut oder eine Japanerin, die sich als Mietfreundin anbietet.

Es sind leise, dichte Geschichten über Momente, in denen sich ein Leben verschiebt, über Endlichkeit und Vergänglichkeit. Oft in kurzen Sätze erzählt, in vielen kleinen Abschnitten: Schöne Beobachtungen aus dem Lebensalltag, unaufdringlich, sehr präzis.

In der Erzählung «Fünfzigtausend Jahre» lernt der Schriftsteller Mirko, der in der Zentralbibliothek als Gebäudeüberwacher arbeitet, die Doktorandin Irma kennen und lieben. Blatter beschreibt eine gemeinsame Nacht so: «Herzklopfen, trockener Mund, sie waren nervös und aufgekratzt und hibbelig. Vorsichtig suchten sie ein Versteck. Hand in Hand. Ein fahles Licht fiel in die Bücherstrasse. Es glückte ihnen alles. Eine unvergessliche Nacht.»

Oder so beginnt die Erzählung «Die hellblaue Pistole»:

«Soll ich von einem Tier oder Menschen erzählen?»
Von einem Baum.
Soll die Geschichte lustig oder traurig sein?
Traurig.
Es war einmal ein Baum …»

Er, der nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch Maler, in Zürich und München lebt, sagt: «Schreiben ist für mich träumen, malen ist wie tanzen. Das ergänzt sich grossartig.»

Und ich schreibe jetzt: «Lieber Silvio, ich lese deine Geschichten sehr gerne, die manchmal kurzen Sätze, in denen du viel sagst.»

Blatter schickt mir in einem Mail ein Foto von einem kleinen Fussballplatz mitten in den Häusern von Mailand. Weil er, wie er schreibt, überall auf der Welt Sportplätze fotografiert.

Auch das finde ich wunderbar.

«Für die Vögel», 12 Erzählungen. - Von Silvio Blatter. - 253 Seiten. - Geparden Verlag.


Ein 12-teiliges Kartenset, je einem eigenen Bild 
und einem Gedicht zu kaufen:

Für 16 Franken bei der Lesung oder mit persönlicher Übergabe.
Für 19 Franken schicke ich es Euch gerne zu.
 Zahlen per Twint mit Vermerk Gedichtkarte.
 Schreibt mir kurze Mailnachricht  (Fredy Wettstein), 
dann schicke ich Euch meine Handynummer fürs Twinten


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com




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