Verführt

Blog-Nr. 501


Ich kann keine Noten lesen, offenbar kann das auch Ronnie Wood nicht. Doch von ihm später. Ich spielte nie ein Instrument, kann nicht singen, mein rhythmisches Gefühl ist mässig, ich tanze gerne, aber wenig stilvoll, bin eigentlich unmusikalisch.

Aber bei Musik schwebe ich, im Kopf, im ganzen Körper. Dann werde ich leicht, manchmal auch melancholisch, nachdenklich. Ich bewege mich in eine andere Welt, vergesse die reale, lasse mich verführen. Wie von einem zarten Regen in einer lauen Sommernacht.

Ich liebe Fussball. Gehe in ein Stadion und warte auf den Moment, den besonderen Moment. Ich weiss nie, was kommt. Vielleicht gibt es einige davon, vielleicht nur einen einzigen, manchmal kommt gar keiner. Dann frage ich mich, weshalb bist du überhaupt ins Stadion gegangen?

Bei Musik ist es anders. Nicht vom ersten Ton und Takt oder Wort an. Anfangs bin ich vielleicht noch abgelenkt, durch sorgende Gedanken, durch Menschen neben mir, mit negativen Nachrichten. Aber dann beginnt dieser Film, werde ich immer mehr, immer stärker hineingezogen, vergesse ich bald alles, tauche ab und gebe mich den Klängen und Texten hin. Meine Hände, Arme, Beine, der Kopf machen Bewegungen, die ich sonst nicht kenne. In Trance, irgendwie. Ich weiss fast immer, was mich erwartet – und trotzdem bin ich gespannt wie es bei einem ersten Date wäre.

Ich war kürzlich auf dem Königsplatz in München bei Nick Cave, diesem verrückten Australier, der seinen Schmerz und inzwischen aber auch wieder seine Lust am Leben herausschreit, sich zwischendurch ins Publikum fallen und von fremden Händen tragen lässt. Ich war in Meilen im Chilesaal des Restaurant Löwen, die beiden Zürcher Songwriter Lukas Langenegger und Levin Deger spielten bei den Jazztagen des Dorfes in kleinem Rahmen, Songs von den Beatles, Johnny Cash und anderen. Im Bistro Bohemia am Kreuzplatz startete Marc Sway vor 150 Leuten seine Tour, die ihn durch kleine Theater führen soll, mit Geschichten aus seinem Leben, zu Liedern geworden.

 
«It's Only Rock 'n'Roll»: Ronnie Wood im Volkshaus in Zürich (YouTube-Video, fw.)

Im Zürcher Volkshaus sah und hörte ich den Stones-Gitarristen Ronnie Wood. Er bewegt sich mit seinen dünnen Beinen leicht gebückt, als wäre er 80. Er ist 79. Und hat die Energie eines 40-Jährigen. Gitarre spielt er wie ein Gott, singen sollte er besser nicht; es ist gut, dass das bei den Rolling Stones Mick Jagger übernimmt. Aus Bern bekam ich ein Video, Büne Huber sang zum x-tausendsten Mal seine W'Nuss. Und es war schön wie beim ersten Mal, es war ein Abend von Bundesrat Beat Jans und seinem Departement, mein Schwiegersohn Ravin durfte im Chor mitsingen.

Cave, Langenegger/Deger, Sway, Wood, Büne, fünf verschiedene Musikstile. Was heisst das für einen, der sich ja als unmusikalisch bezeichnet?

Ich hatte keine Antwort, fragte KI.

Die Antwort kam prompt: Mein Musikgeschmack sei «Sophisticated Rock Soul mit Schweizer Herz.» Aha. Und dann schrieb sie einen Satz, bei dem ich hängen blieb:

«Du willst Geschichten, Texte, Gefühle.»

Hm.

Und mir würden, las ich, vermutlich auch Tom Waits, Leonard Cohen, Element of Crime, Joe Cocker, Stephane Eicher oder Mani Matter gefallen. Alle schon, teils mehrmals, gesehen oder gehört. Und KI hatte noch einen Geheimtipp für mich: «Madrugada», dunkel, atmosphärisch, Rock und Melancholie sei das.

Madrugada?

Noch nie gehört.

Ich google: Es ist eine norwegische Alternativ-Rockband.

Ich liebe Fussball. Und wurde schon oft enttäuscht. Bei Konzerten fast noch nie. Ein paar Mal vielleicht, zweimal bei Bob Dylan. Man verstand ihn kaum, er nuschelte, er veränderte Songs beinahe zur Unkenntlichkeit, sein Gesicht verschwand unter dem Hut.

Am 1. November gehe ich ins Hallenstadion.

Zu Bob Dylan.

«Din Engel»: Marc Sway im Bohemia in Zürich (YouTube-Video, fw.)




Ein 12-teiliges Kartenset, je einem eigenen Bild 
und einem Gedicht zu kaufen:

Für 16 Franken bei der Lesung oder mit persönlicher Übergabe.
Für 19 Franken schicke ich es Euch gerne zu.
 Zahlen per Twint auf 079 414 40 63, mit Vermerk Gedichtkarte. Schreibt mir bei Interesse auf:  fredy.wettstein@gmail.com

Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com



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