Paris! 9:34 Uhr!


Blog-Nr. 504



Der alte Mann sitzt im Zug, wie jeden Morgen, es ist immer der gleiche Zug, er sitzt auch fast immer am gleichen Platz, er war am gleichen Ort eingestiegen, gleich beim Treppenaufgang. Es ist sein Platz, beim Fenster, wenn dieser aber einmal besetzt ist, dann ist er etwas verwirrt, bleibt einfach im Gang stehen.

Der alte Mann hatte kürzlich seinen 85. Geburtstag, gefeiert hat er ihn nicht, er wusste, dass dieser Tag, es regnete, was es sonst praktisch nie machte in diesem Sommer, sein Geburtstag ist; 85 dachte er, vielleicht kommen nicht mehr so viele Tage. 

Aber der alte Mann lebt längst alleine, ein Handy hat er nicht, er will nichts mehr wissen von dieser Welt, und so hat ihm auch niemand gratuliert. Er hätte auch nicht gewusst, wer ihm nun gratulieren soll. Seine wenigen Freunde sind alle gestorben.

Der alte Mann weiss, wo er wieder aussteigen muss, er steigt immer dort aus, denn er geht von dort gleich die Strasse zum See runter, vorbei am Kino Le Paris, und dann Richtung Bellevue, ins Odeon, es ist sein Lokal, das Lokal hat eine lange Geschichte, hier sitzt er immer am gleichen Tisch, gleich beim Eingang um die Ecke, da hat er einen guten Blick ins Lokal, sieht die Leute, einige sitzen auch immer hier, am frühen Morgen. Er weiss, wer was trinkt, er spricht aber mit niemandem.

Doch an diesem Morgen, der Himmel grau verhangen, die Luft recht frisch, er denkt, jetzt kommt er, der Herbst, an diesem Morgen bleibt er im Bahnhof Stadelhofen sitzen, wo er immer aussteigt. Schaut zum Fenster hinaus. Sieht zwei Frauen, es müssen Touristinnen sein, mit grossen Koffern, zum Zug rennen. Der alte Mann springt von seinem Platz auf, drückt den grünen Knopf, der Zug kann nicht abfahren, die zwei, er sieht, es sind Japanerinnen, erreichen ihn. Sie nicken höflich. Er auch.

Der alte Mann setzt sich wieder auf seinen Platz, schaut wieder zum Fenster hinaus. Der Zug fährt ab, ist jetzt im Tunnel – und, der alte Mann erschrickt: ich hätte doch, im Stadelhofen. Er denkt, was ist mit mir?

Im Hauptbahnhof steigt er aus. Ein Zug, die S-Bahn 11, würde zurückfahren zum Stadelhofen, in drei Minuten wäre er dort, in zehn im Odeon, was sind schon zehn Minuten in einem langen Leben – das denkt er jedoch nicht.

Er geht die Rolltreppe hoch, in die grosse Halle. Schaut auf die grosse Tafel mit den Abfahrtszeiten der Züge. Genf, Interlaken Ost, Lugano, 
St. Gallen, Basel, Bern, viele Orte. Aber der alte Mann sucht den ersten, der nicht in der Schweiz liegt. 

Sieht Paris. Sieht 09:34 Uhr.

Denkt: Paris! Noch nie war er dort. Immer geträumt davon. Eiffelturm. Notre-Dame. Montmartre. Moulin Rouge. Er stellte sich immer vor, wie es ist in Paris, als er jung war, hatte er sich manches vorgestellt, das er sich heute nicht mehr vorstellt. Aber Paris, das war für ihn immer mit Liebe und Vergnügen verbunden. Hat er gelesen, als er noch gelesen hat.

Er geht zum Schalter. Paris einfach, sagt er.

Da kommt ihm in den Sinn, er hat nur 20 Franken bei sich, 20 Franken nimmt er immer mit, wenn er ins Odeon geht, eine Kreditkarte hatte er nie.

Er geht zurück zur grossen Tafel, schaut sie nochmals an.

Paris, 9:34 Uhr. Gleis 16.

Das wäre in fünf Minuten. 


Ein 12-teiliges Kartenset, je einem eigenen Bild 
und einem Gedicht zu kaufen:

Für 16 Franken bei der Lesung oder mit persönlicher Übergabe.
Für 19 Franken schicke ich es Euch gerne zu.
 Zahlen per Twint mit Vermerk Gedichtkarte.
 Schreibt mir kurze Mailnachricht  (Fredy Wettstein), 
dann schicke ich Euch meine Handynummer fürs Twinten


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com



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