Moralische Empörung

Blog-Nr. 506

Bild von KI


Ich war im Auto unterwegs, von Barcelona Richtung Valencia, ein kurzer Halt, ein Blick auf die Mails (müsste eigentlich nicht sein), eines von SRF. Sie würden am Abend in «10 vor 10» etwas zu Granit Xhaka machen und ob ich vielleicht …

Ich mailte zurück, schrieb, wo ich war, das sei wohl eher ungünstig.

Beim nächsten Halt das nächste Mail: Vielleicht könne man ja einen Videocall machen.

Hm. Ich war auf dem Weg zu einem Yoga-Retreat, nicht als Yogi unter lauter Yoginis, aus anderen Gründen, der Kopf also anderswo, der Himmel nur blau, das Meer aus der Ferne auch, 31 Grad, Hochsommer im Herbst. Xhaka weit weg. Dass er inzwischen zugegeben hatte, ein gefälschtes Zertifikat erworben zu haben, wusste ich in diesem Moment noch gar nicht.

Ich solle doch schnell zurückrufen, wenn es mir ginge, eine nächste Nachricht.

Ich tat es, redete lange mit dem Reporter von der Inlandredaktion und merkte dabei: Das Thema ist komplizierter, als es zunächst scheint. Verschiedene Ebenen, wenig schwarz oder weiss, und am Ende braucht es für einen solchen Kurzbeitrag im Fernsehen zwei, drei Sätze, die zwangsläufig verkürzt werden.

Und die Verbindung war auch nicht gut, hier zwischen Zürich und einer Finca mitten im Grün, weit weg von einem Dorf, für einen Videocall kaum ideal.

Wir einigten uns auf Verzicht. Mir war wohl dabei. Ich vergass Xhaka wieder, wurde immer noch kein Yogi, aber der Rote aus dem nahen Priorat war wunderbar. Das Essen auch.

Am nächsten Tag, jetzt am Meer, blau wie in der Karibik, der Sand sanft und weich, ein lauer Wind, dachte ich nochmals nach.

Granit Xhaka. Diese kontroverse Figur, immer wieder. Ich mochte ihn als Fussballer lange nicht, inzwischen sage ich auch, er ist einer der besten Fussballer, die die Schweiz je hatte, seine Karriere ist beeindruckend. Selbstbewusst war er immer.

Und dann wieder Corona.

Wir wussten damals vieles nicht, heute wissen wir mehr, manches immer noch nicht. Und wir sollten rückblickend zumindest anerkennen, dass es Gründe gab, Dinge unterschiedlich zu beurteilen und unterschiedlich zu handeln.

Gerade für einen Sportler, dessen Körper sein Kapital ist.

Aber Xhaka hat nicht einfach anders gedacht oder anders gehandelt. Er hat gelogen. Er hat ein gefälschtes Zertifikat erworben. Dafür muss er die Konsequenzen tragen, es wird wohl eine hohe Geldbusse sein.

Dass er seinen Fehler einräumte, bevor die Untersuchung begann, war weder besondere Grösse noch besonderer Mut. Es war clever. Und clever war Xhaka immer, juristisch ist er inzwischen offenbar auch gut beraten.

Aber darüber hinaus?

Jetzt zu sagen, er sei als Captain nicht mehr tragbar: Warum?

Er soll weiterhin für die Schweiz spielen, aber die Binde nicht mehr tragen? Was wäre das genau – eine zusätzliche Strafe, ein moralisches Zeichen, eine öffentliche Demütigung? Und was würde sie ändern? Xhaka wird auf dem Platz ohnehin Xhaka bleiben, eine Leaderfigur, die wichtigste Stimme, mit Binde oder ohne.

Vielleicht ist das die interessantere Frage.

Nicht, ob er einen Fehler gemacht hat. Hat er.

Nicht, ob dieser Fehler Konsequenzen haben soll. Soll er.

Aber muss daraus gleich die nächste Debatte werden, ob er als Captain noch tragbar ist? Als Captain nein, als Spieler ja? Hm?

Und überhaupt: Ist es nicht wieder einmal sehr viel Aufregung, weil es um Xhaka geht, sehr viel moralische Empörung? In einer Welt, in der es wichtigere Dinge gäbe, über die man sich aufregen könnte.

Denke ich, jetzt im warmen Licht, mit den sanften Wellen, dem Geruch von Salz, mit der schönen Melodie des Wassers im Meer.


Ein 12-teiliges Kartenset, je einem eigenen Bild 
und einem Gedicht zu kaufen:

Für 16 Franken bei der Lesung oder mit persönlicher Übergabe.
Für 19 Franken schicke ich es Euch gerne zu.
 Zahlen per Twint mit Vermerk Gedichtkarte.
 Schreibt mir kurze Mailnachricht  (Fredy Wettstein), 
dann schicke ich Euch meine Handynummer fürs Twinten


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com



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