Liebe in den Armen


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Der Himmel über München um acht Uhr an diesem Sonntagabend ist noch hell, die Sonne aber war untergegangen, als Nick Cave, in einem dunkelblauen, edlen dreiteiligen Anzug, das Hemd weit offen, auf der Bühne am Königsplatz steht. Was heisst: steht?

«Get Ready for Love» ruft er uns und singt nun, wir und er sind bereit für die Liebe und für all die Gefühle, die zu ihr gehören, die schönen und die schmerzvollen. Bereit sein dafür, das ist so wichtig in diesen Zeiten. Jedes Konzert in diesem Sommer quer durch Europa beginnt mit diesem Song. München ist sein 30.

Und eben: er steht nicht, er singt, schreit, fleht, klagt, flüstert, keucht, beschwört, schmeichelt, er ist düster und melancholisch, aber auch wieder hoffnungsvoll, immer charismatisch. Und er rennt umher, stampft, tanzt, manchmal wie ein gehetztes Raubtier hinter Gitter, ein Irrwisch, finster zwischendurch sein Blick, stechend die Augen, aber dann wieder ganz liebevoll, versöhnt, man glaubt, einmal gar Tränen zu sehen. Er schwitzt, wischt sich immer wieder mit einem weissen Tuch übers Gesicht, rennt weiter. Einmal,  nach dem zweiten Song, «From Her To Eternity» entschuldigt er sich, er habe es vermasselt, es hätte eigentlich anders tönen sollen, aber die Band habe gegen ihn gewonnen.

Cave sucht die Nähe zum Publikum, sucht Halt und will uns Halt geben, «You’re beautiful», ruft er den Menschen zu, signiert einmal ein Buch und einmal ein Blatt Papier, das ihm hingehalten wird, lässt sich einige Male einfach auf die Leute fallen. Auf dem ganzen Platz mitten in der Stadt strecken sich ihm ständig Arme und Hände entgegen.

                                Unterweg auf dem Königsplatz in München                       (Foto: TZ)

Die zweieinhalb Stunden mit dem bald 69-jährigen Australier und seiner Band The Bad Seeds sind Energie und Leidenschaft, fast wie eine Messe, ein Gospelgottesdienst, und er ist der Prediger: mit Liedern über Sehnsucht, Verlust, Leben und Tod, Erlösung und Träume, die man nicht aufgeben soll, immer wieder mit religiösen Anspielungen und biblischen Motiven.

Wie kann Gott das Leid in dieser Welt zulassen?, fragt er in einem seiner Songs. Cave zweifelt, ringt immer wieder mit Gott, fordert ihn auf, die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu rechtfertigen.

Manchmal wie ein Raubtier auf der Bühne

Es ist jetzt, später am Abend, dunkel in München, aber immer noch sommerlich warm, das Publikum jubelt und klatscht ihm und seiner Band zu, Warren Ellis mit seiner wehenden Mähne und dem langen weissen Bart, auch er eine grossartige Figur. 

«Joy», eines der schönsten Lieder (Video fw)



Besonders eindrücklich das Lied «Joy», in dem Cave die grosse Trauer der vergangenen Jahre beschreibt. Zwei Kinder hat er verloren, im Mai 2022 starb sein Sohn Jethro Lazenby, 30 damals, unter ungeklärten Umständen; sieben Jahre zuvor Arthur, 15 damals, nach einem Sturz von einer Klippe. 

Schmerz und trotzdem Freude am Leben finden

«Ich wache heute Morgen auf, und der Blues liegt schwer auf meinem Kopf. Ich fühle mich, als wäre jemand aus meiner Familie gestorben» so beginnt das Lied, aber in «Joy» geht es auch darum zu akzeptieren und zu erkennen, dass man mit dem Schmerz weiterhin und trotzdem Freude am Leben finden kann.

Auf seiner Website «The Red Hand Files», auf der er auf Fragen seiner Fans eingeht, antwortete er am Morgen vor einem Konzert im Amphitheater von Nîmes und am elften Todestag seines Sohns Arthur einer Leserin, die ihm viel Liebe und Kraft an diesem Tag gewünscht hatte: Mit der Zeit werde alles gut, und gleichzeitig auch nicht. Das Schreckliche und das Schöne existieren in der Welt als Nachbarn. Auch dieser schlimmste Tag könne zugleich ein wunderschöner sein. Und er beschreibt den Morgen in Nîmes: «Die Sonne scheint, ein Kind spielt, ein Mann geniesst eine Zigarette, und die Welt erwacht leise und geht unbeirrt weiter.»

«Joy» ist ein wunderbares Lied, der Geist habe sich zu ihm ans Bett gesetzt und gesagt: «Wir mussten so viel Trauer ertragen, jetzt ist Zeit für Freude.»

Hände, Hände, Hände

Oder «Jubilee Street», ganz ruhig fängt es an, ekstatisch ist das Finale, ein Text von einem zwielichtigen Ort, verlorenen Seelen und dunklen Geheimnissen; «Hollywood», fast eine Viertelstunde lang, in dem er die Trauer mit einer Autofahrt nach Kalifornien und brennenden Wäldern verarbeitet, einfach grossartig, eine lange Kurzgeschichte; oder «Train Long Suffering», schon vor 40 Jahren geschrieben, der lange Zug, der durch die Dunkelheit rast.

Warren Ellis mit seiner Geige

Und zuletzt, in München ist es Nacht, zuerst noch «Skeleton Tree», er entschuldigt sich, dass es nochmals düster wird, es ist ein Lied aus seiner schwierigsten Zeit im Leben, aber dann der versöhnliche Abschluss im 21. Lied. Nick Cave sitzt am Klavier, allein auf der Bühne. Ein Liebesgebet, von der Sehnsucht, einen geliebten Menschen zu beschützen, von Zweifeln und dem Ruf nach dem vielleicht nicht existierenden Gott. Er hat die Ballade 1997 geschrieben, eines seiner wichtigsten und persönlichsten Lieder, sagt er.

Es heisst darin:

«Ich glaube nicht an einen Gott, der in unser Leben eingreift/
Aber ich weiss Liebling, dass du es tust/
Aber wenn ich es täte, würde ich niederknien und ihn bitten/
Nicht einzugreifen, wenn es um dich geht/
Kein Haar auf deinem Kopf zu berühren/
Dich so zu lassen, wie du bist/
Und wenn er dich schon lenken muss, dann in meine Arme.»


«Into My Arms», so schön, alle singen mit, ein Chor mit 15 000 Menschen, München liegt sich in den Armen. Wir sind bereit für die Liebe und das Leben. So verlassen wir den Königsplatz, im Dunkeln und sehen doch das Licht.

Das letzte Lied: Alle singen und liegen sich in den Armen (Bilder und Video fw.)

*Dieser Text erschien zuerst auf Facebook. Deshalb ist es 
noch nicht der 500. Blog. Er kommt in einer Woche.


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen:
fredy.wettstein@gmail.com



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