Wenn Zürich erwacht
Blog-Nr. 489
Als ich die Vespa parkte bei der Löwenstrasse vor dem Club «Vior», in dem sie abends zuvor noch mit Salsa durch die Nacht getanzt sind und jetzt ausnahmsweise so früh öffnen, weil an grossen Screens Fussball gezeigt wird, sehe ich als erstes auf der Strasse drei junge Menschen mit Leibchen in kroatischen Farben. Sie stehen im Kreis, reden, ihre Mannschaft hat sich eben, es sind zwei Stunden vergangen, gegen Portugal von der WM verabschiedet, durch ein Tor im allerletzten Moment. Aber sie scheinen nicht betrübt, sie sind fröhlich. Sie tun mir leid, obwohl ich sie nicht kenne.
Ich trinke im Club als erstes drei Espressi hintereinander. Wach werden. Wegen einem Ball, wegen Fussball, wegen Schweizern, ich sitze hier und denke: irgendwie ja verrückt.
Vor dieser Weltmeisterschaft wurde kritisiert und gejammert, die Fifa, Infantino, Amerika mit diesem Blondorangen, der die Welt verrückt macht, zu viele Spiele, Mannschaften, die nicht interessieren und doch nicht hingehören, weil zu schwach, wahnsinnige Eintrittspreise, Kommerz, Menschen, die ausgesperrt sind, nicht einreisen dürfen.
Auch ich, der doch eigentlich Fussball, das Spiel, liebt, früher nicht nur aus beruflichem Interesse, sagte: Diesmal nicht, nicht ganz ohne mich, aber viel weniger. Das Schüeli an diesem Wochenende mit meinem Enkel Dylan ist rot im Kalender angestrichen.
So war es, bisher. Ich sah wenige Spiele dieser WM, manchmal lief der Fernseher und ich las dazu irgendetwas, «Supertoskana», das neue, wunderbare Buch von Max Küng im Moment, blickte nur hoch, wenn jemand am Bildschirm schrie, und sie schreien ja immer lauter, diese TV-Schreihälse.
Aber jetzt, erst in diesem Club, später weiter gefahren mit der Roten zur «Bar sportif Calvados» am Idaplatz im Stadtkreis 3, zum Calvi, wie sie genannt wird, eine Bar und irgendwie auch ein sportliches Museum, mit vielen Bildern und Souvenirs an den Wänden, Köbi Kuhn hat auf einem Foto unterschrieben und auch Usain Bolt, der Sprinter.
Den Wecker gestellt auf 03.30 Uhr. Mit der roten Vespa in die Stadt gefahren, die noch gar nicht erwacht, einfach still ist, (fast) keine Autos, kein Tram, keine Rotlichter, niemand auf der Strasse. Das Bellevue leer. Nur das Surren des Vespa-Motors.
Ein schöner Moment, allein in der grossen Stadt, «Il est cinq heures, Paris s’éveille», das Lied von Jacques Dutronc kommt in solchen Momenten immer in den Sinn, es beschreibt die Poesie einer Stadt im Morgengrauen, die Verliebten sind erschöpft, die Strassenarbeiter mit Besen unterwegs.
Aber viele solche Momente kenne ich ja gar nicht. Um halb vier morgens schlafe ich meistens, oder will schlafen und kann nicht. Oder träume vielleicht.
Nicht jetzt, an diesem Freitagmorgen. Den Wecker gestellt (und beinahe nicht gehört) wegen Schweizern, die Fussball spielen. Warum das?
Ein schöner Moment, allein in der grossen Stadt, «Il est cinq heures, Paris s’éveille», das Lied von Jacques Dutronc kommt in solchen Momenten immer in den Sinn, es beschreibt die Poesie einer Stadt im Morgengrauen, die Verliebten sind erschöpft, die Strassenarbeiter mit Besen unterwegs.
Aber viele solche Momente kenne ich ja gar nicht. Um halb vier morgens schlafe ich meistens, oder will schlafen und kann nicht. Oder träume vielleicht.
Nicht jetzt, an diesem Freitagmorgen. Den Wecker gestellt (und beinahe nicht gehört) wegen Schweizern, die Fussball spielen. Warum das?
| Zwei «Spanier» vor dem «Vior» und Kobel und Xhaka |
Als ich die Vespa parkte bei der Löwenstrasse vor dem Club «Vior», in dem sie abends zuvor noch mit Salsa durch die Nacht getanzt sind und jetzt ausnahmsweise so früh öffnen, weil an grossen Screens Fussball gezeigt wird, sehe ich als erstes auf der Strasse drei junge Menschen mit Leibchen in kroatischen Farben. Sie stehen im Kreis, reden, ihre Mannschaft hat sich eben, es sind zwei Stunden vergangen, gegen Portugal von der WM verabschiedet, durch ein Tor im allerletzten Moment. Aber sie scheinen nicht betrübt, sie sind fröhlich. Sie tun mir leid, obwohl ich sie nicht kenne.
Ich trinke im Club als erstes drei Espressi hintereinander. Wach werden. Wegen einem Ball, wegen Fussball, wegen Schweizern, ich sitze hier und denke: irgendwie ja verrückt.
Vor dieser Weltmeisterschaft wurde kritisiert und gejammert, die Fifa, Infantino, Amerika mit diesem Blondorangen, der die Welt verrückt macht, zu viele Spiele, Mannschaften, die nicht interessieren und doch nicht hingehören, weil zu schwach, wahnsinnige Eintrittspreise, Kommerz, Menschen, die ausgesperrt sind, nicht einreisen dürfen.
Auch ich, der doch eigentlich Fussball, das Spiel, liebt, früher nicht nur aus beruflichem Interesse, sagte: Diesmal nicht, nicht ganz ohne mich, aber viel weniger. Das Schüeli an diesem Wochenende mit meinem Enkel Dylan ist rot im Kalender angestrichen.
So war es, bisher. Ich sah wenige Spiele dieser WM, manchmal lief der Fernseher und ich las dazu irgendetwas, «Supertoskana», das neue, wunderbare Buch von Max Küng im Moment, blickte nur hoch, wenn jemand am Bildschirm schrie, und sie schreien ja immer lauter, diese TV-Schreihälse.
| Jubel nach dem 2:0 im «Calvados» |
Aber jetzt, erst in diesem Club, später weiter gefahren mit der Roten zur «Bar sportif Calvados» am Idaplatz im Stadtkreis 3, zum Calvi, wie sie genannt wird, eine Bar und irgendwie auch ein sportliches Museum, mit vielen Bildern und Souvenirs an den Wänden, Köbi Kuhn hat auf einem Foto unterschrieben und auch Usain Bolt, der Sprinter.
Vielleicht zwei-, dreihundert sind hier, draussen auf dem Platz, und drinnen, Ältere, sehr junge, Frauen, Mädchen, viele irgendwie rot gekleidet, und friedlich ist es, es ist jetzt sechs Uhr, der Tag erwacht langsam, der Himmel über Zürich grau, aber inzwischen hell. Es wird mitgefiebert, gebangt, viel Bier getrunken oder der vierte Espresso oder auch das erste Glas Wein, weiss, gespritzt, es ist ja früher Morgen, aber auch miteinander geredet, einer sagt nebenan, er hätte sich eben verliebt, aber nach fünfzehn Minuten gespürt, es werde nichts, sie rede zu viel, sein Blick ist aber immer noch, trotz Fussball, verträumt.
Wecker gestellt um halb vier morgens, warum?
Vielleicht deshalb. Weil ohne Fussball, ohne dieses gemeinsame Gefühl, etwas zu erleben, nie eine Stadt in aller Herrgottsfrühe zum Leben erwachen würde.
«Zurich s’éveille», das Lied muss geschrieben werden.
Die Vespa schläft inzwischen.
Wecker gestellt um halb vier morgens, warum?
Vielleicht deshalb. Weil ohne Fussball, ohne dieses gemeinsame Gefühl, etwas zu erleben, nie eine Stadt in aller Herrgottsfrühe zum Leben erwachen würde.
«Zurich s’éveille», das Lied muss geschrieben werden.
Die Vespa schläft inzwischen.
Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
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