Der letzte Ball


Blog-Nr. 493


Ja, doch mehr gesehen, als ich gedacht hatte, es war auch besser, als wir erwartet hatten, manches nicht so, wie befürchtet, wenn man den Mann in Orange wieder mal ausblendet, mit seinem Anruf bei seinem Best Friend «Johnny» Infantino, und diese unsägliche Halbzeitshow im Final.

Wir lernten Fussballer aus Kap Verde kennen, ihren Torhüter, Vozinha ist sein Spitzname, «Kleine Oma», 40jährig, vereinslos, auf Instagram folgen ihm nicht mehr 5000, sondern 30 Millionen, und es gab Tage, besser: Nächte und Spiele, da erwachte ich am Morgen, sah das Resultat und den Spielverlauf und dachte: Es wäre so schön gewesen, dieses Spiel live zu erleben.

Aber ich schlief.

Was bleibt nach fünf langen Wochen? Einiges.

Da ist Lionel Messi. Er stand bei dieser, wohl seiner letzten Weltmeisterschaft, unter Denkmalschutz, aber er zeigte in vielen Momenten noch einmal, dass Fussball manchmal Poesie sein kann. Zuletzt, nach einem himmeltrauriglangweiligmiesen Final (wegen den Argentiniern), blieben ihm aber nur die Tränen und musste ihn auch der trösten, von dem jetzt wieder das Bild gezeigt wurde, wie er, als er vier Monate alt war, in einer Badewanne lag und Messi ihn in den Händen hielt (Lamine Yamal, Bild oben).

Hochverdienter Weltmeister: Spanien - und auch die beiden sind im Bild!

Aber in Erinnerung bleibt auch das, es war schon Dienstag bei uns, Mitternacht vorbei:

Der Ball aus elf Metern flog nicht ins Tor. Er flog darüber, weit darüber. Das sah ich noch. Aber dann wurde der Bildschirm meines Fernsehers schwarz, dunkle Nacht auch im Zimmer. «Die Box hat keine Verbindung zum Internet», leuchtete auf. Ich solle sie ausschalten.

Ich tat es. Und der Spieler aus Paraguay, der nächste, der aus elf Metern zu schiessen hatte, hat es inzwischen sicher getan. Tor? Deutschland draussen? Die Box fand die Verbindung zum Internet nicht. Verzweifelt im Handy versucht, den TV-Sender zu finden. Auch hier keine Verbindung.

Hm?

Halt! Klar doch. Ich wechselte an diesem Tag von S zu S, das ist kein Werbetext, deshalb sollen die Buchstaben genügen, das eine S stellte in diesem Moment seinen Dienst ein, für das andere S kommt der Techniker erst nachmittags. Und bis dann: Kein TV, kein Internet, kein Netz, nichts, abgeschnitten von der Welt. Der eine Ball flog im Gillette Stadium in Foxborough auf die Tribüne. Der nächste ins Tor? Oder ebenfalls darüber oder daneben oder gehalten?


Ich wusste es nicht.

Der Blick zum WhatsApp-Button. Die letzte Nachricht meines Sohnes: «Wie Robert Baggio!». Ja, Baggio, 1994, sein Ball damals aus elf Metern im finalen Elfmeterschiessen in den brütend heissen Himmel über Los Angeles. Genau wie jetzt jener von Tah. Das hatte ich ja noch gesehen. Dann wurde es dunkel.

Einschlafen ohne zu wissen, wie etwas ausgegangen ist.

Der Fussball schenkte mir eine Nacht der Ungewissheit. Vielleicht täte sie uns auch sonst manchmal gut. Dinge nicht zu wissen.


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht


NEU
Eine  Webseite 
zum Blog, mit immer wieder aktuellen Fotos
 und Tipps zu Bücher, Konzerten, Filmen, Orten


Den  Blog «Wieder im Auge» 
 auf Facebook folgen und lesen. 



Kommentare