Bilder hier, Bilder dort
Blog-Nr. 496
C. ist immer hier, oder fast immer, nur wenn es regnet, doch es regnet ja fast nie in diesem endlosen Sommer, bleibt sie zu Hause. Sie kommt früh am Morgen, als eine der Ersten, sie hat ihren Platz auf der Wiese, auf ihrem Liegestuhl, immer den gleichen Platz, es ist in der Badi die Ecke der älteren Damen.
Und sie sagt es immer wieder, und alle sagen es, die hierher kommen, und viele kommen oft oder fast täglich hierher; sie liegen und bräunen sich, sie lesen, sie hören Musik oder einen Podcast, sie stricken. Sie reden nicht, wie vor zehn Jahr vielleicht noch, die Sprache von hier, es werden ganz verschiedene Sprachen gesprochen, aber sie alle sagen: Ach, wie schön ist es hier. It’s so beautiful here. Great. Det är fantastiskt. Auch schwedisch wird gesprochen.
Und viele machen immer wieder Fotos, es sind oft die gleichen Fotos: Der See, das Wasser, das mal blau, mal grün, mal gräulich ist, die verschiedenen Schiffe oder das Entenpaar mit ihren Jungen. Viele Male am Tag wechselt das Wasser die Farbe, und am Abend, wenn die Nacht hereinbricht, ist es besonders schön, eigentlich jeden Abend in diesem endlosen Sommer: Die Sonne, die sich langsam senkt, der Himmel, der sich von blau zu gelblichen und dann rötlichen Tönen färbt, die Stadt Zürich als Kulisse. Ein wunderbares Gemälde.
Ein Foto geht um die Welt. Es wirkt wie ein dystopisches Gemälde, ein Schnappschuss der Apokalypse. Es erzählt vielleicht viel über unsere Zeit.
Das Floss. Die Kinder springen. Die viel Älteren liegen darauf und fühlen sich nochmals wie Kinder, weil sie sich erinnern, wie sie einst, es ist lange her, auch mal gesprungen sind und sich gefreut haben, wenn dabei die damals Älteren mit Wasser bespritzt wurden.
Der Mann hat die Beine übereinandergeschlagen, der rechte Fuss ragt in die Höhe. Die Frau schaut auf ihr Handy. Um sie herum die üblichen Utensilien für eine gedankenverlorene Sommerruhe, Schlarpen, ein Bodyboard, Hüte, eine Flasche.
Es ist später Nachmittag. C. sitzt mit ihren Freundinnen an einem weissen Tisch, vielleicht nochmals eine Tasse Kaffee oder ein Sanbitter vor sich, sie liebt ihren Sanbitter. Sie reden, sie lachen, sie geniessen, sie reden über ihr Leben, ihr Leben hier in diesem endlosen Sommer, und sie verdrängen, dass irgendwann der lange Winter kommt und sie sich nicht mehr in der Badi treffen können. Oder sie reden, etwas leiser, auch über andere, die hier sind. Und die anderen trinken Rosé oder einen Aperol Spritz oder Prosecco mit Eis.
Enzo, der Pächter des Kusen-Restaurant, und sein Team schwitzen im täglichen Stress. In der Badi trinkt man gerne und das, was man eben trinkt, wenn sich die Sonne senkt und diese romantische Stimmung aufkommt.
Mit diesem poetisch schönen Bild, dem Wasser, jetzt dunkelblau, dem wolkenlosen Himmel, den Häusern am anderen Ufer, die noch knapp von der Sonne beschienen werden, dem Schattenufer, und vielleicht fährt grad der Dampfer vorbei, die «Stadt Rapperswil» auf ihrem Weg von Rapperswil zurück nach Zürich.
Die Sonne brennt jetzt am späten Nachmittag besonders stark vom Himmel, 34 Grad zeigt das Thermometer an der Wand beim Eingang zur Badi, es soll, sagen sie, in den nächsten Tagen gar 38 werden oder vielleicht an einigen Orten gar noch etwas mehr, es ist ein Rekordsommer, und in den Zeitungen gibt es Schweizer Karten, fast das ganze Land ist dunkelrot gefärbt, sie zeigen die höchste Waldbrandgefahr.
C. und alle, die hier sitzen, auf der Wiese, auf den Stühlen an den Tischen, beim zweiten Glas oder vielleicht schon dritten, es sind viele Schirme aufgestellt, die Schatten, aber kaum Kühle spenden, sagen: «Ah» und «Oh» und «Wahnsinnig» und «Wunderbar» und «Himmlisch schön» oder «Ein Paradies». In allen Sprachen. Und geniessen einen weiteren Tag, einer von vielen in diesem Sommer 2026.
Sie reden auch in der Badi manchmal vom Klima, einige stöhnen über die Hitze. Auch C. hat immer ihren eigenen blauen Schirm dabei, es gibt solche, die sagen, das gab es früher, als sie jung waren, auch schon, an einzelnen Tagen, aber nicht tage-, fast wochenlang, es sei schon anders heute, aber halt auch schön, ein Sommer wie im Süden, geniessen wir ihn doch.
Und jetzt, nach halb neun abends, wird es langsam dunkler am Zürichsee, der bald volle Mond ist aufgegangen, die Sonne verschwindet, es ist immer noch sehr warm, und wir machen die Fotos mit dem rötlichen Himmel und dem glitzernden Wasser und heben vielleicht ein Glas vor die Linse – Ferienstimmung, es sei wie im Süden, sagt noch einer, wie in Saint-Tropez, einfach traumhaft schön. Christoph, der Bademeister, stellt bald das Schild auf: «Kusenbad geschlossen. Baden verboten. Kiosk offen».
Mit diesem poetisch schönen Bild, dem Wasser, jetzt dunkelblau, dem wolkenlosen Himmel, den Häusern am anderen Ufer, die noch knapp von der Sonne beschienen werden, dem Schattenufer, und vielleicht fährt grad der Dampfer vorbei, die «Stadt Rapperswil» auf ihrem Weg von Rapperswil zurück nach Zürich.
Im Blickfeld des Paars, am anderen Ufer, tobt die Feuerwut des grössten Waldbrandes, den diese Gegend jemals erlebt hat. Die Rauchwolken tauchen den Himmel in ein dunkelgelbes Licht, es ist, als würde der mitbrennen.
Die Sonne brennt jetzt am späten Nachmittag besonders stark vom Himmel, 34 Grad zeigt das Thermometer an der Wand beim Eingang zur Badi, es soll, sagen sie, in den nächsten Tagen gar 38 werden oder vielleicht an einigen Orten gar noch etwas mehr, es ist ein Rekordsommer, und in den Zeitungen gibt es Schweizer Karten, fast das ganze Land ist dunkelrot gefärbt, sie zeigen die höchste Waldbrandgefahr.
Geht hier gerade die Welt unter, und die Menschen
schauen lässig zu, als liefe Netflix?
C. und alle, die hier sitzen, auf der Wiese, auf den Stühlen an den Tischen, beim zweiten Glas oder vielleicht schon dritten, es sind viele Schirme aufgestellt, die Schatten, aber kaum Kühle spenden, sagen: «Ah» und «Oh» und «Wahnsinnig» und «Wunderbar» und «Himmlisch schön» oder «Ein Paradies». In allen Sprachen. Und geniessen einen weiteren Tag, einer von vielen in diesem Sommer 2026.
Natürlich hängt dieses Bild (aufgenommen von einem Fotografen der Agentur AFP an der Plage de Moutchic in der Nähe von Bordeaux), nun bedeutungsschwer wie eine Ikone über diesem Hitzesommer, nicht nur dem französischen. Es ist eine ziemlich perfekte Momentaufnahme dieser Zeit. Das Klima ändert sich vor unseren Augen, mit Extremwerten jeder Art.
Sie reden auch in der Badi manchmal vom Klima, einige stöhnen über die Hitze. Auch C. hat immer ihren eigenen blauen Schirm dabei, es gibt solche, die sagen, das gab es früher, als sie jung waren, auch schon, an einzelnen Tagen, aber nicht tage-, fast wochenlang, es sei schon anders heute, aber halt auch schön, ein Sommer wie im Süden, geniessen wir ihn doch.
Aber wenn die Feuer heute so monströs sind und sogar grosse Städte bedrohen, gestern Los Angeles, heute Bordeaux, dann liegt das an der extremen Dürre, der extremen Hitze – am Klimawandel. Wir schauen ihm zu, als beträfe er uns nicht, als fände er in sicherer Distanz statt. Das alles steckt vielleicht nicht in diesem Foto von der Plage de Moutchic. Aber ist es etwa keine passende Bestandesaufnahme unserer Zeit?
Und jetzt, nach halb neun abends, wird es langsam dunkler am Zürichsee, der bald volle Mond ist aufgegangen, die Sonne verschwindet, es ist immer noch sehr warm, und wir machen die Fotos mit dem rötlichen Himmel und dem glitzernden Wasser und heben vielleicht ein Glas vor die Linse – Ferienstimmung, es sei wie im Süden, sagt noch einer, wie in Saint-Tropez, einfach traumhaft schön. Christoph, der Bademeister, stellt bald das Schild auf: «Kusenbad geschlossen. Baden verboten. Kiosk offen».
Und auf einem Onlineportal steht, dass letzte Nacht im Kanton Aargau in Koblenz haarscharf ein Waldbrand verhindert werden konnte.
| Karibisch-sommerliche Idylle am Zürichsee |
Anmerkung: Die in kursiv gesetzten Abschnitten sind aus dem Kommentar («Ein Schnappschuss vom Inferno») von Oliver Meiler, dem Frankreich-Korrespondenten des «Tages-Anzeiger» und der «Süddeutschen Zeitung».
Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
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