Schwitzen mit den Hosen
Blog-Nr. 486
24 Stunden zuvor versank Zürich im Wasser. War es abends um acht dunkel und der Himmel schwarz, und die Welt schien unterzugehen, nichts ging mehr in der Stadt.
Und jetzt ist er nur blau, brennt die Sonne vom Himmel, über 30 Grad noch, jeder Schritt ein Kampf gegen den Schweiss.
Und wir tanzen und hüpfen und springen und wippen. Wir singen oder johlen oder summen oder grölen auch. Und vor allem schwitzen wir. Sind nass. Nicht, weil es regnet, wir sind pflotschnass von diesem Gewitter da vorne im Stadion bei brütender Hitze. Von diesen Liedern, der Musik, von den lauten Tönen, dem Geschrei, manchmal wie ein Motor, der aufheult, wie ein wilder Sturm, sie ballern auf der Bühne, schiessen aus allen Rohren, es knallt, aber dann gibt es auch immer wieder die leisen Momente.
Punk, Rock und Poesie. Mit Songs von früher und neuen.
Mit Texten wie diesen: «Ich soll dich grüssen von den Anderen / Sie denken alle noch ganz oft an dich / Und dein Garten, es geht ihm wirklich gut / Obwohl man merkt, dass du ihm noch sehr fehlst / Und es kommt immer noch Post ganz fett adressiert an dich / Obwohl doch jeder weiss, dass du weggezogen bist.» Das Lied, «Nur zu Besuch», der Gang zum Friedhof, hat Campino vor vielen Jahren seiner früh verstorbenen Mutter gewidmet.
Oder solchen: «Du sagst, du willst dein Land zurück / Ich versteh’ nicht, was du meinst / Das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teil’n? / Du schreist, du willst dein Land zurück / doch hat es dir je gehört? / Dieses Land, von dem du dauernd sprichst, ist nur ein Traum, der dich verwirrt». – Die Hosen, wie sie auch immer wieder sind und Stellung nehmen, auf dem neuen Song «Was ist mit uns los?»
Oder das, auch ein Song aus ihrem neuen Album, «Nur nach vorn», einer der allerbesten: «Am Tag in Richtung Horizont / Und nachts verfolge ich den Mond / Ich laufe ohne Pause nur noch vorn / Ich brauche auf meinem Weg nicht viel / Ich habe nicht mal ein klares Ziel / Es zieht mich immer stärker nur nach vorn.»
Wir sind gefesselt. Körper an Körper, hautnah dabei und hautnass. Und glücklich.
Wir, 48 000 im Letzigrund an diesem Samstagabend. Wie alle Konzerte, jene, die schon waren, und jene, die noch kommen, auch im nächsten Jahr, alle sind ausverkauft.
Die Toten Hosen. Seit fünf Jahrzehnten gibt es diese Band. Jetzt, sagen sie, haben sie ein allerletztes Album aufgenommen, «Trink aus, wir müssen gehen», eigentlich ein Doppelalbum, «Alles muss raus» der zweite Titel.
| Tausend Hände für Campino |
Campino, einst als Andreas Joachim Wolfgang Konrad Frege geboren, Deutsch-Brite, das Gesicht der Band, er schwitzt auf der Bühne. 63 ist er inzwischen, aber er hüpft und tanzt und winkt und bewegt sich, als wäre er 20 oder zumindest 40, und auch wir fühlen uns, als wären wir 20 oder zumindest 40. Alterslos.
Am Nachmittag lief er zusammen mit seinen vier Band-Kumpels an der Pride-Parade mit, sie schwammen nachher im Zürichsee. Campino erzählt das, beim Song «Auswärtsspiel», es ist nicht nur ein Fussball-Lied, es drückt ein Lebensgefühl aus, er sagt, Zürich sei das schönste Auswärtsspiel überhaupt, man glaubt es ihm, er hat es wohl auch in Stuttgart gesagt; er ist laut, brüllt, und ist zwischendurch wunderbar leise, nachdenklich, auch politisch und gesellschaftskritisch.
So waren sie immer, die Hosen; Campino erinnert daran, dass dieser Samstag auch der Weltflüchtlingstag ist, 100 Millionen Menschen seien auf der Flucht, wir, hier in der Schweiz, in Deutschland, wüssten gar nicht, in welchem Paradies wir leben würden.
«You’ll Never Walk Alone», mit der Fussball-Hymne, Campino mit rotem Schal, Liverpool hat ja vor vielen, vielen Jahren, als es die Hosen noch nicht gab, auch mal im Letzigrund gespielt, so endete der Abend nach zweieinhalb Stunden und 32 Songs, der Mond geht auf am Nachthimmel über der Stadt.
Lieber gehen wir ein bisschen früher als ein bisschen zu spät, sagt Campino. Ihre Stücke behandelten immer wieder die Vergänglichkeit, in einem Lied heisst es: «Das ist der Moment / An dem du einmal hängst / Wenn du irgendwann zurückdenkst».
Wir schauen auf den Schrittzähler, 11 890 zeigt er an, nach dem Konzert abends um halb elf, vorher waren es erst 1700 gewesen.
Die Hosen sind nicht tot, sie halten uns jung. Das letzte Glas ist noch lange nicht getrunken, es muss ja nicht Bier sein, sie sollen nicht gehen, noch lange nicht. Wir haben noch Zeit, um irgendwann zurück zu denken. Damals, an den 20. Juni 2026, als wir schwitzten. Und mit den Hosen durch die Nacht tanzten.
| Er kann auch nachdenklich sein |
«You’ll Never Walk Alone», mit der Fussball-Hymne, Campino mit rotem Schal, Liverpool hat ja vor vielen, vielen Jahren, als es die Hosen noch nicht gab, auch mal im Letzigrund gespielt, so endete der Abend nach zweieinhalb Stunden und 32 Songs, der Mond geht auf am Nachthimmel über der Stadt.
Lieber gehen wir ein bisschen früher als ein bisschen zu spät, sagt Campino. Ihre Stücke behandelten immer wieder die Vergänglichkeit, in einem Lied heisst es: «Das ist der Moment / An dem du einmal hängst / Wenn du irgendwann zurückdenkst».
| 48 000 und zuletzt «You'll Never Walk Alone» |
Wir schauen auf den Schrittzähler, 11 890 zeigt er an, nach dem Konzert abends um halb elf, vorher waren es erst 1700 gewesen.
Die Hosen sind nicht tot, sie halten uns jung. Das letzte Glas ist noch lange nicht getrunken, es muss ja nicht Bier sein, sie sollen nicht gehen, noch lange nicht. Wir haben noch Zeit, um irgendwann zurück zu denken. Damals, an den 20. Juni 2026, als wir schwitzten. Und mit den Hosen durch die Nacht tanzten.
Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht
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