Per favore, Roma!

Blog-Nr. 487



Ein Blumenstrauss liegt auf ihr, ein grosser, es sind wunderbare Rosen. Und ich wundere mich. Und erschrecke dann, als ich auf ihr sitze. Sie beginnt zu reden, deutlich hörbar, ich sehe mich um, denke, die Stimme komme vielleicht aus dem nahen Fenster oder von hinter mir; hört man auf einem Ohr nicht mehr so gut, weiss man oft nicht, woher die Stimmen kommen.

Sie kommt aus ihr. «Ich will nach Rom», sie sagt: «Roma», und sie wolle sofort gehen, möglichst gleich abfahren. Und sie sagt noch: «Du warst auch auf deinem Sehnsuchtsort Hydra, ich darf auch meinen haben, und jetzt spricht sie italienisch: «Per favore, per favore a Roma, partiamo!»




Ich weiss immer noch nicht, woher die Stimme kommt, aber es gibt keinen Zweifel, sie ist es, die zu mir redet, und obwohl ihre Stimme lieblich ist, scheint sie keinen Widerspruch zu dulden.

Und, sagt sie nun, sie habe auf Google Maps bereits alles angesehen, auch mit KI korrespondiert, knapp 900 Kilometer seien es, 18 Stunden reine Fahrzeit, die Autostrade seien für sie verboten, nur immer die Strassen mit den blauen Schildern nehmen, wieder sagt sie es auf italienisch: Strada Extraurbana Secondaria, und sie wolle zuerst über den Lukmanier, diesen sanften Berg, später dann in Italien den Passo della Cisa, der habe viele, viele Kurven, aber immer mit einem wunderbaren Postkartenblick, sie sagt, KI habe das so beschrieben, die hügelige Landschaft der Toskana.

Und dann, sagt sie, die Stimme aus ihr: Du hast doch einen Amigo mit einem wunderbares Haus in der Nähe von Grosseto.

Ja, Michi heisst er, sage ich, selber überrascht, dass ich, auf ihr sitzend, mit ihr so vertraut rede, als würde ich ihr Gesicht sehen.

Eben, wieder spricht sie: Da würden wir einen, den einzigen Halt auf unserer Reise machen, Siena können wir leider nicht besuchen, wir wären wohl todmüde nach dieser ersten langen Etappe, aber du hast doch einmal geschwärmt von diesem Ort.

Ja, ein kleines Örtchen, Sassofortino heisst es, eigentlich ein Teil von Roccastrada mit einer wunderbaren Bar, «Il Glicine» heisst sie. 

Dort darfst du das einzige Mal auf unserer Fahrt trinken, mit Mass allerdings, per favore.

Vino sfuso heisst der weisse Wein, es ist kein Fusel, ganz und gar nicht, 2.5 Euro kostet er, es ist eine ganz einfache Bar. Alle vom Dorf, kommen immer hierher, manche sitzen morgens und abends immer noch hier.

Und vom Haus von deinem Amigo …

… Michi …

certo, Michi, du hast doch damals von seinem Anwesen so geschwärmt.

Es ist wie ein Kunstwerk, «La Piana» heisst es, mit tausend Olivenbäumen rund herum, und neben dem Haus hat es auch zwei Baracken aus Holz, du hörst die Vögel zwitschern, ein Jagdhund bellt, manchmal kommt ein Wildschwein in die Nähe, und die Rehe, die bellen auch.

So eine Unterkunft genügt für uns völlig. Wir müssen anderntags wieder früh raus, die letzte Etappe nach Roma, und dann sind wir da und feiern und können trinken, Pasta geniessen und dein Lieblingsgelato mit der dunklen Schoggi. Wir und zehntausend andere, sie kommen aus der ganzen Welt. Am Samstagnachmittag müssen wir einfach dort sein, dann gibt es die grosse Parade durch Rom, Musik wird gespielt, du und ich, stell dir vor, ich in meinem roten Kleid, du mit deinem roten Helm und weissem Shirt, wir sind ein Traumpaar, una coppia perfetta, alle werden uns bewundern.

Ich höre ihre Stimme, ich sehe den Strauss Rosen, der immer noch auf ihr liegt, ich werde fast selber etwas rot.

Ich starte den Motor, höre sie nur noch sagen: 

Mio caro, ich werde 80. Es ist mein Geburtstag. Meine grosse Party. Ich und alle Vespisti in der ewigen Stadt. Mit Dir.


         .




Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht


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