Märchenhafter Sommer
Blog-Nr. 473
Ein neues Buch von Ronald Reng
Dies vorweg: Es ist keine Buch-Kritik, dafür ist Ronald Reng ein zu lieber Kollege, dessen Texte ich schon früher, als er noch Sportreporter war, sehr gerne gelesen habe. Und ich schrieb auch einige Male über ihn, 2008, bei der Fussball-Europameisterschaft in einem Tagebuch über seine Reise quer durch die Schweiz, wie er in Bauma im Zürcher Oberland landete, auf dem Weg von Neuenburg nach Innsbruck, weil das Tourismusbüro Winterthur ihm dort ein Zimmer gebucht hatte (siehe Link unten).
Jahre später besuchte ich ihn in Barcelona, er war Korrespondent dort und hatte eine eindrückliche und einfühlsame Biografie über den Torhüter Robert Enke geschrieben, der gegen seine Depression kämpfte und nur noch den Tod als einzigen Ausweg sah. Reng sagte damals in einem langen Gespräch: «Ich hatte vorher ein sehr rudimentäres Wissen von Depressionen. Nach diesen Recherchen, bei denen ich auch mit sehr vielen Psychologen und Psychiatern geredet und sehr viel Fachbücher gelesen habe, verstehe ich, dass Depression eine Krankheit ist, die das Gehirn verändert. Der Kranke sieht nur noch schwarz.»
«Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben» ist nur eines von vielen Büchern von Reng. Er hat auch eines über das deutsch-deutsche Duell bei der WM 1974 (BRD-DDR 0:1) geschrieben, um Zeitgeschichte zu dokumentieren.
Und jetzt also eines über 2006, die Weltmeisterschaft, als Deutschland, wie Reng schreibt, für einige Wochen das coolste Land der Welt war. Am 30. Mai hatte es damals noch bis auf 700 Metern geschneit, dann aber schien vier Wochen lang nur noch die Sonne, war es fast tropisch. «Der deutsche Sommer, als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog» ist der Titel. Am 19. Juni stand das Wort erstmals im «Spiegel» und es wurde nachher zum Begriff: «Sommermärchen».
Ich gebe zu, zuerst dachte ich: Weshalb soll ich das Buch lesen? 415 Seiten dick, diese WM vor zwanzig Jahren ist weit weg, ich war selber dabei, habe meine eigenen Erinnerungen, und das «Sommermärchen» von damals ist inzwischen nicht mehr so märchenhaft.
Dann begann ich zu lesen, zuerst in München, am Tag nach einem (unwichtigen) Fussballspiel, auf einer Bank im Englischen Garten bei sommerlichen Gefühlen, und dann zu Hause, vor der nächsten Reise nach München, zu einem viel wichtigeren Spiel. Und ich klappte das dicke Buch zu, rechtzeitig vor dem Anpfiff in der Allianz Arena, und fand: Es hat sich sehr gelohnt, ich bin nochmals eingetaucht in diesen märchenhaften Sommer 2026.
Jahre später besuchte ich ihn in Barcelona, er war Korrespondent dort und hatte eine eindrückliche und einfühlsame Biografie über den Torhüter Robert Enke geschrieben, der gegen seine Depression kämpfte und nur noch den Tod als einzigen Ausweg sah. Reng sagte damals in einem langen Gespräch: «Ich hatte vorher ein sehr rudimentäres Wissen von Depressionen. Nach diesen Recherchen, bei denen ich auch mit sehr vielen Psychologen und Psychiatern geredet und sehr viel Fachbücher gelesen habe, verstehe ich, dass Depression eine Krankheit ist, die das Gehirn verändert. Der Kranke sieht nur noch schwarz.»
«Robert Enke: Ein allzu kurzes Leben» ist nur eines von vielen Büchern von Reng. Er hat auch eines über das deutsch-deutsche Duell bei der WM 1974 (BRD-DDR 0:1) geschrieben, um Zeitgeschichte zu dokumentieren.
Und jetzt also eines über 2006, die Weltmeisterschaft, als Deutschland, wie Reng schreibt, für einige Wochen das coolste Land der Welt war. Am 30. Mai hatte es damals noch bis auf 700 Metern geschneit, dann aber schien vier Wochen lang nur noch die Sonne, war es fast tropisch. «Der deutsche Sommer, als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog» ist der Titel. Am 19. Juni stand das Wort erstmals im «Spiegel» und es wurde nachher zum Begriff: «Sommermärchen».
Ich gebe zu, zuerst dachte ich: Weshalb soll ich das Buch lesen? 415 Seiten dick, diese WM vor zwanzig Jahren ist weit weg, ich war selber dabei, habe meine eigenen Erinnerungen, und das «Sommermärchen» von damals ist inzwischen nicht mehr so märchenhaft.
Dann begann ich zu lesen, zuerst in München, am Tag nach einem (unwichtigen) Fussballspiel, auf einer Bank im Englischen Garten bei sommerlichen Gefühlen, und dann zu Hause, vor der nächsten Reise nach München, zu einem viel wichtigeren Spiel. Und ich klappte das dicke Buch zu, rechtzeitig vor dem Anpfiff in der Allianz Arena, und fand: Es hat sich sehr gelohnt, ich bin nochmals eingetaucht in diesen märchenhaften Sommer 2026.
| Autor Ronald Reng |
Ronald Reng hat viel Zeit für das Buch investiert, zwei Jahre daran gearbeitet und mit sehr vielen Leuten gesprochen. Er wollte ergründen, wie diese neu entdeckte Lebensfreude damals möglich war Es sei der Beweis, «wie schnell es manchmal wieder besser werden kann», denn die Menschen hätten (auch) damals das Gefühl gehabt, sie leben in einem traurigen Land, «in Deutschland, dem kranken Mann Europas», sagt er, die Arbeitslosigkeit war hoch, die deutsche Bahn allerdings fast auf die Minute pünktlich und die Wirtschaft zog 2006 an, die Nachfrage nach deutschen Autos wurde grösser.
Es war ein Sommer, der viele Leben veränderte, die Menschen, schreibt Reng, begeisterten sich an der eigenen Begeisterung.
Reng sprach mit Julian Nagelsmann, der damals 18 war, Jugendspieler bei 1860 München und beim Halbfinal zusammen mit Freunden bei einem Public Viewing eine Perücke anzog, die ihm einen schwarz-rot-goldenen Irokesen-Haarschnitt verpasste. Heute, 20 Jahre später, in vier Wochen beginnt wieder eine WM, ist Nagelsmann der deutsche Bundestrainer. Und das habe, glaubt Reng, auch mit dem Sommer 2006 zu tun, damals sei von Jürgen Klinsmann die Saat für innovative Trainer gelegt worden.
Er sprach mit Thomas Hitzlsperger, der sich einige Monate vor der WM vier Karten für das Eröffnungsspiel gekauft hatte, dann aber im deutschen Kader stand, bis auf die letzten elf Minuten im letzten Spiel allerdings nur immer Ersatz blieb – und, im Buch auf Seite 337 steht es: «Er war Fussballer. Er konnte nicht schwul sein. Es gab keine schwulen Fussballer.»
Er sprach mit Jürgen Klopp, der mit dem Deutschland-Trikot im ZDF-Studio zum Fernsehbundestrainer wurde, zwischen seinen Auftritten das Training von Mainz 05 leitete, an seiner Seite vor der TV-Kamera stand jeweils Schiedsrichter Urs Meier, der ein paar blonde Strähnchen im lässig halblangen Haar trug.
Er sprach mit dem Astronauten Thomas Reiter, der am Tag des Halbfinals in Cap Canaveral mit der Raumfähre Discovery ins All startete, und er hatte keine Zeit, einen Blick auf die Erde zu werfen und an Fussballspiel zu denken.
Er sprach mit Trainer Jürgen Klinsmann, der nach der WM zurücktrat, weil ihm bewusst wurde, dass er sonst nicht mehr in Kalifornien, sondern in Deutschland leben müsste und seine Kinder ständig mit dem öffentlichen Trubel konfrontiert worden wären. Erst später dachte Klinsmann, es hätte auch andere Lösungen geben können, beispielsweise in Zürich zu leben.
Er sprach mit Hans Ostler, dem Piloten des Helikopters, mit dem Franz Beckenbauer in diesen Wochen ständig in der Luft war, von Stadt zu Stadt, quer durch Deutschland, um fast jedes Spiel zu sehen. «Hans, eine kleine Richtungsänderung, wir müssen nach Kitzbühel» hatte Beckenbauer einmal während eine Fluges plötzlich gesagt, und beim Aussteigen: «Danke Hans, ich heirate heute hier». Auch das war die WM 2006, Beckenbauer sagte einmal, so habe sich der liebe Gott die Welt vorgestellt.
| Reng (rechts) mit dem Musiker Flo Weber bei einer Lesung in München |
Er sprach mit dem Schlagzeuger Flo Weber von «Sportfreunde Stiller», deren Song «’54, ‘74, ‘90, 2006» zum Lied der WM wurde und die Hitparaden stürmte – und wie und warum Pelé unbedingt die Band kennenlernen wollte.
Er sprach mit sehr vielen, nur mit Angela Merkel und Gerhard Schröder konnte er nicht reden, und auch der italienische Braunbär Bruno ist immer wieder ein Thema, «Achtung, kurze Unterbrechung» heissen die Kapitel zu ihm jeweils. Österreichs Bundeskanzler Schüssel sagte, der Bär habe vorgelebt, wie frei man sich dank des Schengen-Abkommens in einem Europa ohne Grenzen bewegen könne. Kurz vor Sonnenaufgang am 26. Juni war er tot, ein Jäger hatte ihn erschossen, und die Frage, ob es wirklich notwendig war, ihn zu töten, den ersten Bären in Deutschland seit 1835, wurde landesweit diskutiert.
2015, mit den Enthüllungen des «Spiegel», dass die WM damals wohl dank Bestechungsgeldern nach Deutschland geholt worden war, verlor der märchenhafte Sommer mit der ewigen Sonne seine Unschuld. Im Epilog von Rengs Buch wird das auch behandelt, doch, sagt der Autor, das wäre ein anderes Buch geworden, eine Recherche zu dieser Geschichte.
Er wollte nur über diesen Sommer 2006 schreiben, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Und Reng schreibt so, als wäre man nochmals dabei, in diesen Wochen in Deutschland unter der ständig scheinenden Sonne und mit den lauen, beschwingten Nächten, als die Welt zu Gast bei Freunden war.
Sein «Bauma»-Erlebnis hatte er übrigens auch 2006. In Rotenburg, ein kleiner Ort in Niedersachsen. Man musste doch dort sein, sagt er, er besuchte das Training von Trinidad und Tobago. Klimatisch war es wie in der Karibik.
Ronald Reng: «Der deutsche Sommer –Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog. – Piper-Verlag. – 415 Seiten, Hardcover, ca 30 Franken.
Link: Ferien in Bauma
Liebe Freundinnen und Freunde,
Bald lesen (Kolumnen, auch Texte von früher) und spielen (u.a. Songs von Dylan, Cohen, Springsteen, Matter) wir wieder:
– Am 23. Mai 2026, es ist der Pfingstsamstag.
– An einem besonderen Ort: Im Gasthaus zum weissen Rössli in Mettmenstetten im Säuliamt.
– Mit besonderen Gastgebern: Regula Esposito (als Künstlerin: Helga Schneider) und Fredy Bickel (Fussball).
– Ab 18 Uhr, also bliebe nachher genügend Zeit, die wunderbare Kochkünste im schönen Gasthaus zu geniessen.
Wir würden uns sehr freuen:
Fredy und Lukas
Übrigens: Mit ÖV (S5) gut erreichbar, aber es hat auch genügend Parkplätze.
Anmelden für die musikalische Lesung:
(Platzzahl beschränkt)
Anmelden zum Essen:
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