Flicks Sonntag

Blog-Nr. 474

Es war schon fast Mitternacht an diesem Sonntagabend in Barcelona, und Hansi Flick stand mit einem Mikrofon in der Hand auf dem Rasen des Camp Nou, begann seine kurze Rede auf katalanisch, «Bona nit, culers», schöner Abend, Fans, culers werden die Fans von Barça genannt, und später sagte der deutsche Trainer der Katalanen, niemals habe er so viel Liebe gespürt.

So viel Liebe wie an diesem Sonntag – an einem Tag mit so viel Schmerz für ihn. Am Morgen hatte er von seiner Mutter den Anruf bekommen: Der Papa ist gestorben. Aber am Abend wollte er Trainer seiner Mannschaft sein, es gab im Stadion eine eindrückliche Schweigeminute, mit wässrigen Augen stand und sass er am Spielfeldrand und erlebte, wie er sagte, seinen schönsten Moment als Fussballtrainer, sicher der emotionalste : Mit dem 2:0 gegen Real Madrid, ausgerechnet gegen Real, den ewigen Rivalen, wurde Barcelona spanischer Meister.

Trauer und Glücksgefühle bei einem der eindrücklichsten Trainer der Gegenwart. Vor sechs Jahren, als er mit Bayern München Einmaliges erreichte, das Triple, deutsche Meisterschaft, Cup und Sieg in der Champions League, hatte ich dieses Porträt geschrieben:



Der stille Hansi

1985 war es, Uli Hoeness noch der junge Manager bei Bayern München, als er jemand losschickte, um einen 20-jährigen Fussballer zu beobachten, der in der 3. Liga bei Sandhausen spielte. Er hatte einen Tipp bekommen. Am andern Tag sass dieser junge Fussballer mit Hoeness in einem noblen Restaurant in München und unterschrieb einen Vertrag.

Hansi Flick, er hiess eigentlich Hans-Dieter, aber alle sagen Hansi, und auch heute noch korrigiert er alle, die ihm Hans-Dieter sagen wollen, blieb dann fünf Jahre in München, er war ein Kämpfer und Arbeiter im Mittelfeld, immer im Dienste der Mannschaft.

Flick und Hoeness mochten sich, aber Hoeness mag eigentlich alle, die für seinen FC Bayern spielen oder spielten.

Im Mai 2018, es war eher zufällig, trafen sich die beiden wieder einmal, bei einem Spiel auf dem Lande, Bayern trat mit einer Mannschaft mit bekanntem Namen von früher an. «Ich stand hinter dem Grill», erinnert sich Hoeness, natürlich grillierte er Hoeness-Würste; Hansi Flick war auch dort, und die beiden haben lange und viel geredet, über dies und das, und auch darüber, ob sich Flick vorstellen könne, auch mal eine Funktion beim FC Bayern zu übernehmen. Viele, die ja einmal hier waren, kehren zum Klub zurück, für irgendetwas.

Ein Jahr später, im Mai 2019, rief Hoeness den Hansi an, ob er sich jetzt vorstellen könne, zum FC Bayern zu kommen, als Assistent von Niko Kovac. Flick konnte es.

Er war fünf Monate Assistent. Bis Bayern immer mehr kriselte, die Mannschaft offenbar nicht mehr geeint war, überaltert und lustlos, wie die Medien schrieben, Thomas Müller nur noch einige Minuten spielen durfte, «wenn Not am Mann war» (Kovac), und viele meinten, die grosse Zeit des FC Bayern sei vorbei, es gäbe einen Wechsel in der Hierarchie des deutschen Fussballs.

Kovac musste gehen. In der Not wurde Flick berufen. Vorläufig für zwei Spiele, interimsweise, dann mindestens bis Weihnachten, als Weihnachten war, mindestens bis Saisonenende, mindestens bis vorläufig. Ein Trainer in der Not zur Probe. Im Kopf hatten sie bei Bayern andere Namen: Wenger, Rangnick, vielleicht nochmals Guardiola, Tuchel.

Denn viele, auch im Klub, fragten sich: Kann er das, der nette, stille, bescheidene und immer freundliche Hansi Flick, den zwar alle mögen, der aber nie irgendwo Cheftrainer war? Zwar 2014 Weltmeister, als Assistent von Jogi Löw, acht Jahre lang war er es, aber ein Reporter der «Süddeutschen Zeitung» schrieb es mal so: Wenn der Deutsche Fussballbund den Journalisten jeweils ein SMS schickte mit den Namen, die bei der Medienkonferenz auftreten sollen und dann «Hansi Flick» draufstand, fragten sich alle: «Was soll man da schreiben. Der nette Hansi sagt doch nichts.»

Im Februar in diesem Jahr zweifelten sie bei Bayern nicht mehr: Sie gaben Hansi Flick einen Vertrag als Chef bis 2023.

Bayern wurde mit Flick Meister, Cupsieger – und an diesem Sonntagabend in Lissabon auch die Nummer 1 in Europa, 29 der letzten 30 Spiele gewannen die Münchner. Uli Hoeness war im Estadio da Luz, mit rotem Schal natürlich, sein Gesicht strahlte rot vor Glück im Stadion des Lichts, und er meldete: «Es war ein wunderbarer Abend, im kleinen Kreis haben wir wunderbar gefeiert. (Anmerkung: Es war die Zeit von Corona)

Auf dem Jubelfoto mit dem Pokal steht Hansi Flick in der hintersten Reihe, glücklich, aber nicht überschwänglich feiernd, und als es darum ging, ein Bild mit dem ganzen Betreuerstab zu machen, fuchtelte er wild mit den Händen, weil einer seiner Assistenten noch fehlte. Das Team als Einheit – das ist das Wichtigste für ihn. Es geht ihm nie um einen Einzelnen, immer nur um die Mannschaft.

Flick, der nette, stille, bescheidene Hansi, hielt später eine Bierflasche in der Hand, er mag es lieber als Champagner, er hielt sich lieber abseits der grossen Feier auf. 

(Dieser Text erschien am 28. April 2000)



Liebe Freundinnen und Freunde,

Bald lesen (Kolumnen, auch Texte von früher) und spielen (u.a. Songs von Dylan, Cohen, Springsteen, Matter) wir wieder:

– Am 23. Mai 2026, es ist der Pfingstsamstag.

– An einem besonderen Ort: Im Gasthaus zum weissen Rössli in Mettmenstetten im Säuliamt.

– Mit besonderen Gastgebern: Regula Esposito (als Künstlerin: Helga Schneider) und Fredy Bickel (Fussball).

– Ab 18 Uhr, also bliebe nachher genügend Zeit, die wunderbare Kochkünste im schönen Gasthaus zu geniessen.

Wir würden uns sehr freuen:

Fredy und Lukas

Übrigens: Mit ÖV (S5) gut erreichbar, aber es hat auch genügend Parkplätze.


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