Welt im Umbruch
Blog-Nr. 468
Eine Espresso-Kolumne*
Luca steht da. Ein Gerüst mit dunkler Abdeckung ist rund um das Haus aufgebaut, ein hoher Kran daneben, Handwerker wirbeln umher, und es gibt keine Eingangstür mehr, alles ist zugedeckt. Der Elfer, längst nicht mehr der Zweier oder Vierer, fährt eben vorbei.
Er schaut nochmals hoch, er steht am richtigen Ort auf der Lindenstrasse bei der Tramhaltestelle Höschgasse, nebenan, wo einmal das Restaurant Iroquoi war, sieht es auch anders aus, ein anderer Name, Khouris, steht über der Tür, rötlich gefärbt.
Und jetzt kommen zwei entgegen, zwei, die Luca kennt, zwar nicht gut, aber sie sassen auch immer im Lokal, das es offenbar nicht mehr gibt. Sie sind ebenfalls irritiert, blicken den blauen Kran an. Sie sind eben aus Südafrika zurück, haben dort wie jedes Jahr überwintert und kennen jeden Golfplatz. Nachdem sie in Kloten gelandet sind, wollen sie hier, an ihrem gewohnten Ort, es ist jetzt morgens um neun Uhr, einen kurzen Halt machen und etwas trinken, er einen Cappucino, sie einen Ingwer-Tee.
Was ist da los, fragen sie?
Luca weiss keine Antwort. Er greift zu seinem Handy, Luca, der Architekt mit den grauen und immer etwas weniger Haaren, hatte doch vor drei Wochen mit seinem Freund Bruno, dem Werber, dessen Stammlokal in einst für seine Branche besseren Zeiten die Kronenhalle war, endlich wieder einmal zu einem Espresso abgemacht. Das machten sie seit vielen Jahren, jeweils am Montagmorgen als Wochenstart.
| Totò-Eingang vor wenigen Wochen |
Luca ist einer, der die Nachrichten auf seinem Handy, ein altes Modell, ausser telefonieren und Nachrichten austauschen macht er sonst nichts damit, jeweils nur schnell und flüchtig liest. Er hatte damals nur das «ok» gesehen, aber nicht das, was Bruno ihm geschrieben hatte, und Bruno macht bei seinen meist langen Nachrichten immer grosse Abstände. Luca hatte also, als er die Nachricht bekommen hatte, nicht nach unten gescrollt.
Die beiden hatten schon mehrere Wochen lang keinen Espresso-Termin mehr, was an Bruno lag. Er sagte, er ertrinke in der Arbeit, habe Schwierigkeiten mit einem Auftraggeber für eine grosse Werbekampagne, Bruno schlug dafür ein Printmedium vor, der Kunde will nur auf Instagram und Tiktok, aber Luca wusste, dass sein Problem eher privater Natur war, die Liebe klopft manchmal auch in älteren Jahren an, und dann leiden Männerfreundschaften darunter.
Aber Bruno, das sieht Luca jetzt, als er vor der Baustelle nochmals sein Handy anschaut, hatte nach dem «ok» weiter unten geschrieben: «Luca, das Totò ist inzwischen geschlossen, das Haus wird renoviert, treffen wir uns also um 9 Uhr im Bohemia beim Kreuzplatz. Ich denke, viele, die wir kennen, sind jetzt auch dort.»
Luca erzählt es den beiden, die eben aus Südafrika zurückgekommen sind, sie schütteln den Kopf. Die Welt, sagt er, ist wirklich im Umbruch, im Grossen wie im Kleinen.
Luca, es ist inzwischen bereits halb zehn Uhr, wählt Brunos Nummer: besetzt. Er wählt wieder: besetzt. Wählt nochmals: besetzt.
Vielleicht versucht Bruno ja, ihn anzurufen, denkt Luca, er wählt deshalb einen Moment lang nicht mehr Brunos Nummer. Als er es nach einer Weile erneut versucht: besetzt.
Kann es sein, überlegt Luca jetzt, dass Bruno vielleicht nicht die Probleme und die Zielrichtung mit dieser Werbekampagne besprechen muss, sondern es in seinem Leben momentan doch viel Wichtigeres und Schöneres gibt?
Es ist Frühling.
Die Welt scheint wirklich im Umbruch zu sein. Denkt Luka und schaut wieder auf das Haus, das nicht mehr an das Totò , ihr Stammlokal, erinnert. Nebenan, aus dem Khouris, ertönt orientalisch-melancholische Musik. Bei der Eröffnung des neuen Lokals sollen zwei Kamele vor der Tür gestanden sein.
Kann es sein, überlegt Luca jetzt, dass Bruno vielleicht nicht die Probleme und die Zielrichtung mit dieser Werbekampagne besprechen muss, sondern es in seinem Leben momentan doch viel Wichtigeres und Schöneres gibt?
Es ist Frühling.
Die Welt scheint wirklich im Umbruch zu sein. Denkt Luka und schaut wieder auf das Haus, das nicht mehr an das Totò , ihr Stammlokal, erinnert. Nebenan, aus dem Khouris, ertönt orientalisch-melancholische Musik. Bei der Eröffnung des neuen Lokals sollen zwei Kamele vor der Tür gestanden sein.
*Die Espresso-Kolumne erschien früher im Tages-Anzeiger
und lebt jetzt in diesem Blog manchmal weiter.
Nächste musikalische Lesungen:
23. Mai, 18 Uhr, Gasthaus zum weissen Rössli, Mettmenstetten
Anmeldungen (es hat noch knapp 20 Plätze):
Wer nachher Essen mag (sehr zu empfehlen)
29. November, 11 Uhr, Wieder Immobilienwerkstatt, Küsnacht
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