Wohlfühlen
Blog-Nr. 466
Ein Dienstag an einem besonderen Ort. Im Haus der Dichter. Mit einem Kolumnisten.
Dieser Text ist bereits auf Facebook erschienen
Wie fühlst du dich? Was für eine Frage! Es kann doch gar keine andere Antwort geben.
Hier an diesem Ort. In diesem Haus, umgeben vom Lärchenwald, auf einem Felsen oben über einem schönen Dorf. Auf 1850 m über Meer, mit der Aussicht auf kleine Seen, die Berge, den Schnee, mit einer Sonne, die fast immer scheint, mit dem Geräusch von Pferdekutschen, dem Zwitschern der Vögel in der reinen Frühlingsluft, im Sommer den Kühen auf den nahen Wiesen. Mit dieser Halle – was heisst Halle? –, diesem sechs Meter hohen Salon mit einem Kronleuchter, der wie ein Feuerwerk aussieht, mit dicken Teppichen, den tiefen Samtsesseln, mit dem Musiktrio, Klavier, Geige, Bass, das jeden Tag um vier Uhr zu spielen beginnt, und man trinkt dazu Tee aus silbernen Kannen, 18 Sorten, oder anderes, im Keller lagern über 30 000 Flaschen Wein, und isst Kuchen und liest, die Bibliothek ist gross, oder redet oder geniesst einfach still.
Hier, wo schon Visconti, Adorno, Hesse, Einstein, Mann, Chagall, Dürrenmatt, Frisch, Beuys, Rilke, Kästner, Tucholsky, Strauss, Handke, Stewart (Rod), Richter, Chipperfield (David) oder Donna Leon und viele andere ihre Tage und Nächte verbrachten. Viele kamen immer wieder.
Theodor Adorno, der deutsche Philosoph, soll eher ein unbequemer Gast gewesen sein mit schlechten Tischmanieren, die nicht zu seinen eleganten Sätzen gepasst hätten, aber er übernachtete 420-mal, und der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach schrieb nachher begeistert: «Das Weltende könnte stattfinden, und man würde davon in diesem Hotel erst eine Woche später erfahren, durch eine unaufgeregte Information des Portiers.»
Dieses Hotel – das Waldhaus in Sils Maria im Engadin, altehrwürdig-schön. Mit seiner langen Geschichte, im Hotelnamen steht der Zusatz: «A Family Affair since 1908», es gibt auch ein dickes Buch über das Hotel, «Geschichte und Geschichten zu einem unvernünftigen Familientraum».
Aber eben: «Wie fühlst du dich?». So heisst auch ein Buch, und auf dem Titel steht noch: «Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen».
Es ist dieser Dienstag, später am Abend, viele Sterne über dem Himmel in Sils Maria, und jetzt ist Axel Hacke, der deutsche Autor und Kolumnist der «Süddeutschen Zeitung» im Waldhaus und liest, auch darüber, wie wir uns fühlen.
Das Waldhaus ist ein Ort für Dichter.
Es ist eigentlich weniger eine Lesung. Hacke erzählt mehr, es ist fast wie eine Theateraufführung; er weiss sehr gut, weil er viel liest, wie man das Publikum fesselt, er tritt oft in grossen Häusern auf, aber diesmal ist es ein schöner Raum im Waldhaus, mehr intim, jeder Platz ist besetzt.
Und der Abend beginnt mit einer Uraufführung, Hacke hat diesen Text noch nie gelesen, niemand konnte ihn bisher hören oder eben auch lesen, es ist die Kolumne, die erst diesen Freitag im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» erscheint. Seit mehr als 30 Jahren schreibt er dort immer an dieser Stelle, «Das Beste aus aller Welt» heisst sie inzwischen.
Und der Abend beginnt mit einer Uraufführung, Hacke hat diesen Text noch nie gelesen, niemand konnte ihn bisher hören oder eben auch lesen, es ist die Kolumne, die erst diesen Freitag im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» erscheint. Seit mehr als 30 Jahren schreibt er dort immer an dieser Stelle, «Das Beste aus aller Welt» heisst sie inzwischen.
Und, so viel sei verraten, in seiner noch unveröffentlichten Kolumne geht es um das Verb «sesseln», das er gerne hätte, und um den Deutschen, der eigentlich ein fauler Mensch ist, sich aber fleissig fühlt.
Es wurde im Waldhaus eine erst, mit ein paar Kolumnen, sehr heitere, dann, mit Texten aus Büchern, auch zwischendurch ernstere – oder, besser: nachdenklichere – Stunde, aber es war immer sehr unterhaltsam, weil Hacke ein wunderbarer Entertainer ist. Er las aus «Aua!», Geschichten über (seinen) Körper, und eben aus dem Buch «Wie fühlst du dich?», über (auch seine) Gefühle.
Daraus nur diesen Einstieg, Seite 34, passend zur Kolumnen-Uraufführung: «Ich bin müde, dämmere auf dem Bürosofa dahin und denke über meine Müdigkeit nach. Ja, es gibt Berufe, in denen das Nachdenken übers Müdesein mehr oder weniger Arbeit ist. Jedenfalls ist es praktisch, sich das einzureden. Zu diesen Berufen gehört meiner. Das gefällt mir.»
Es gibt im Waldhaus im Sommer die «Silser Hesse-Tage», diesmal schon zum 26. Mal, «Literatur als Therapie». Ein Buch von Hesse heisst «Kurgast», er war viele Jahre immer den ganzen August in Sils Maria, schrieb hier, auch Briefe, malte.
Es müsste eigentlich auch «Hacke-Tage» geben. Sie würden gut tun in diesen Zeiten. «Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten, und wie wichtig uns der Ernst des Lebens sein sollte», das ist auch der Titel eines seiner Bücher.
Und ja, auch das erzählte er, beim Thema Künstliche Intelligenz. Ein amerikanischer Professor hatte in einem «Spiegel»-Interview gesagt, das diese vielleicht 2030 zu einem Weltuntergang führen könne. Hacke erzählte eine Geschichte darüber, und zuletzt gab ihm die KI-App Perplexity die Antwort: «Es gibt keine Anzeichen, dass Axel Hacke mit einem Weltuntergang 2030 rechnet.»
Beruhigend und zum Glück: Er muss ja auch dann wieder im Waldhaus, dem Haus der Dichter, auftreten.
Nächste musikalische Lesungen:
23. Mai, 18 Uhr, Gasthaus zum weissen Rössli, Mettmenstetten
Anmeldungen (es hat noch knapp 20 Plätze):
Wer nachher Essen mag (sehr zu empfehlen)
29. November, 11 Uhr, Wieder Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen
fredy.wettstein@gmail.com
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