Glücksmomente
Blog-Nr. 467
Eine Woche – von einem Gedicht, einem Buch, viel Orient im Seefeld, Kirschblüten, einem Konzert in zwei Jahren, einer Protesttour, von Bildern und Liedern und eine roten Liebe
Um barfuss zu gehen, ist es in diesen Tagen wieder zu kalt geworden. Und Dinge nicht ernst nehmen, die gerade unsere Welt so verrückt machen, ist nicht einfach. Aber vielleicht sollten wir, um uns von diesem Grössenwahnsinnigen da drüben mit der hohen Stimme nicht ganz verrückt machen zu lassen, jeden Tag versuchen, Augenblicke zu leben, die gut tun und ablenken.
Der Versuch eine Woche lang, von Samstag zu Samstag
Samstag: Im Radio SRF1 sagt ein Moderator, jemand habe an diesem Morgen etwas gepostet und das sei doch wunderschön: «Was für ein Privileg, im Bett neben einem kleinen Wesen zu liegen, weil es glaubt, es sei der sicherste Ort der Welt.»
Sonntag: Ein Buch zur Hand nehmen wie dieses, ich habe es schon einmal gelesen, aber im Kopf blieb, dass es darin auch ein Kapitel über den Sonntag gibt. Es ist von Stephan Schäfer, wochenlang war es in den Bestenlisten, und geschrieben hatte er es nach einer Notoperation wegen einer Blutvergiftung. Es geht um die Frage: Wieso nehmen wir das Leben als selbstverständlich hin und vertagen alles auf später?
Schäfer ist mir sympathisch, er sagt, sein Leben bestehe aus Im-Café-Sitzen und Espresso-Trinken, man könne ihn in 30 Jahren wieder in einem Café abholen. In der Episode «Der Sonntag» beschreibt er einen Spaziergang durch die Stadt mit seinem Sohn, für den Sonntag einfach Sonntag ist, einer von sieben Wochentagen, für den Vater aber ist es ein anderes Gefühl.
Als die beiden in Richtung ihres Lieblingscafés spazierten, versuchte der Vater seinem Sohn es so zu erklären: «Gestern Abend war alles ganz unbeschwert. Aber vorhin, ich weiss nicht – ganz plötzlich war da diese dumpfe Melancholie. Er hörte mir zu, dann legte er beim Gehen seinen Arm um meine Schulter, nickte und sagte: ‘Aber jetzt gerade, Papa, jetzt ist alles gut.’ Und das Sonntagsgefühl verschwand.»
Dieser Satz «Jetzt gerade ist alles gut» wurde auch zum Buchtitel. Ein Buch, das uns sagt, wir sollten immer wieder versuchen, das Schöne im Leben zu finden.
Montag: Im Kalender eben eingetragen, Donnerstag, 18. Mai. Nicht 2026. Nicht 2027. Nein: 2028. Abends acht Uhr, Reihe 4, Platz 19 im Volkshaus in Zürich.
Noch nie so etwas gemacht. Ein Konzert mehr als zwei Jahre vorher gebucht. Mehr als zwei Jahre Vorfreude. Das Gefühl haben zu dürfen, 2028 wird doch alles gut sein.
Pippo Pollina feiert dann seinen 65. Geburtstag mit einer grossen Gala und überraschenden Gästen. Ein Fest der Musik.
Dienstag: Diese Farben. Viel, viel Rot, in allen Tönen. Alles üppig, gar nur Rot mit vielen Spiegeln bei der Treppe zur Toilette. Teppiche am Boden und an den Wänden, auf jedem Tisch ein kleines Lämpchen, auch Blumen. Falafel, Hummus, Baba Ganoush oder Mana’eesh, eine Art palästinensische Pizza auf der Karte und vielleicht bald Wasserpfeifen draussen auf der Terrasse; bei der Eröffnung vor ein paar Wochen waren Bauchtänzerinnen und Trommler da, zwei Kamele standen beim Eingang.
Das «Khouris» ist neu, viel Orient im Seefeld, am Ort, wo früher das Iroquoi war. Neben dem für lange geschlossenen Totò. Aber es hat morgens um acht offen, es hat auch Zeitungen (noch etwas zu wenige), es gibt einen guten Espresso, und es ist mein neues Homeoffice, manchmal wenigstens, neben dem Bohemia, dem Odeon, dem Kornsilo, Montmartre oder Zuppe im vorderen Seefeld.
Mittwoch: Ein Rückfall, gelesen, weil die Zeitung auf dem Tisch im «Bohemia» lag, nur dernTitel «Spricht er zu den Märkten oder mit den Mullahs?» gesehen. ER! Jemand hat sehr viel Geld verdient, weil ER ankündigte, für einige Tage wolle ER den Iran nicht angreifen, soll es während dieser Zeit in diesem Krieg keine weiteren Toten geben.
Sofort wieder weg mit diesen schlimmen Gedanken.
Das «Khouris» ist neu, viel Orient im Seefeld, am Ort, wo früher das Iroquoi war. Neben dem für lange geschlossenen Totò. Aber es hat morgens um acht offen, es hat auch Zeitungen (noch etwas zu wenige), es gibt einen guten Espresso, und es ist mein neues Homeoffice, manchmal wenigstens, neben dem Bohemia, dem Odeon, dem Kornsilo, Montmartre oder Zuppe im vorderen Seefeld.
Mittwoch: Ein Rückfall, gelesen, weil die Zeitung auf dem Tisch im «Bohemia» lag, nur dernTitel «Spricht er zu den Märkten oder mit den Mullahs?» gesehen. ER! Jemand hat sehr viel Geld verdient, weil ER ankündigte, für einige Tage wolle ER den Iran nicht angreifen, soll es während dieser Zeit in diesem Krieg keine weiteren Toten geben.
Sofort wieder weg mit diesen schlimmen Gedanken.
![]() |
| Idyllische Welt im Patumbah-Park |
Der Himmel ist am Morgen erst blau, dann immer grauer, zuletzt gegen schwarz, vom Frühling zurück in den Winter, aber die japanischen Kirschblüten, weiss, rosa, und die Magnolien im Patumbah-Park im Quartier Rosbach tun gut. Viele schlendern im Garten umher, das Handy in der Hand, zwei junge Frauen fotografieren und posieren in allen Stellungen und vor jedem Baum, eine idyllische Welt trotz grauen Wolken.
Donnerstag: Zuerst die Bilder. Die Frau eines Freundes, einst ein guter Torhüter mit grossen Spielen ganz in der Nähe, später ein noch besserer Arzt, stellt ihre Bilder aus. Er ist zuvor mit Wehmut durch das Quartier in Zürich West gefahren, hat beobachtet, wie sich ganz vieles verändert hat seit damals, als er durch die Tore hechtete auf den Hardturm-Wiesen.
![]() |
| Bilder von Sybille Berbig-De Boni bei der Vernissage in der Galerie «Kunst im West» |
Aber es ist unfair, es geht nicht um ihn, es geht um sie, um Sibylle Berbig-De Boni, es ist ihre Vernissage, ihr Abend in der renommierten Galerie «Kunst im West». Sie malt noch nicht lange, sie suchte nach etwas, um sich auszudrücken und fand ihre Leidenschaft. Und ihre Bilder, das schreibe ich nicht, weil ich ihren Mann seit Jahrzehnten kenne, sind beeindruckend, mit südlichem Licht, südlicher Poesie, südlicher Inspiration, auch meist südlichen Titeln, «Finestre», «Le tre sorelle» oder «Luna e sole» heissen sie.
Und dann, später am Abend, die Lieder. Im Kaufleuten, mit Zoë Më, der 25-jährigen Fribourgerin, seit dem Eurovision Song Contest einem Millionenpublikum bekannt. Zart wirkt sie auf der Bühne mit ihren poetischen, auch stillen Liedern, zwischen Chanson und Pop, sie wechselt während ihrer Songs die Sprache, französisch, dann deutsch und umgekehrt. Mit zehn hat sie die Musik für ihr Leben entdeckt, damals schon einen eigenen Song geschrieben.
![]() |
| Zoë Më im Zürcher Kaufleuten |
«Durch die Nacht» heisst ein Lied, es ist eine wunderbare Reise durch die Zürcher Nacht. Ihre Reise hat erst angefangen, noch nie sei sie und ihre junge Band solo vor so einem grossen Publikum aufgetreten. Und plötzlich hört man durch die Lautsprecher die Stimme von Stephan Eicher, er kann nicht da sein, er sagt, er sei gerade im Zug unterwegs, aber dann spielen sie ihr Lied, das sie gemeinsam aufgenommen haben, «Valse à Demi», einfach hinreissend. (Video dazu unten).
Freitag: Manchmal tut es gut, Lieder von gestern, eher vorgestern zu hören. Und zufällig war es diesmal Hildegard Knef, die einmal sagte: «Das Leben schuldet uns nichts als das Leben. Und alles andere haben wir zu tun.» Und jetzt höre ich sie mit meinen Kopfhörern singen, sie redet am Ende eines Liedes: «Man kann sich für das Glück vorbereiten. Aber ich glaube, man kann nichts dafür tun. Das ist Schicksal.»
Geniessen wir die glücklichen Momente. Den Augenblick. Das Jetzt. Das Sekundenglück, das singt Herbert Grönemeyer.
Samstag: Draussen vor der Tür steht sie, meine Liebe für schöne Tage. Sie bettelt darum, dass ich zu ihr komme, sie fühlt sich einsam und verlassen. Sie musste so lange auf mich verzichten, monatelang. 80 Millionen gäbe es weltweit von ihr, Papst Pius XII. hat sie mal gesegnet.
Und meine ist rot, feuerrot. Sie wurde diese Woche nochmals kurz weiss eingezuckert, dabei hatte sie schon geglaubt, in den warmen Tagen und Stunden vor dem Schnee, sie dürfe endlich losfahren.
Sie auf den dünnen Rädern, ich mit dem Wind im Gesicht, es ist eine Liebesbeziehung, eine sommerliche und innige, und sie träumt davon, einmal Rom zu erleben, nirgends anderswo würde sie besser hinpassen, auf die Via Appia Antica, die Via Veneto oder die Via del Corso. Es muss ein Traum bleiben, ihre Stadt heisst Zurigo.
Sie ist eine alte Dame, nicht meine, aber ihre Nonna, vor 80 Jahren kam sie auf die Welt.
Ein Ingenieur der Firma Piaggio bekam nach dem zweiten Weltkrieg den Auftrag, etwas Neues zu erfinden. Keine Kampfflugzeuge mehr, nichts mehr für die Rüstungsindustrie, nein, etwas, das allen Menschen dient und die Menschen glücklich macht, eben fortbewegend mit dem Wind im Gesicht.
Welch wunderbarer Auftrag, er müsste heute weltweit an alle Ingenieure von Rüstungskonzernen gehen.
Die Vespa. Was für ein Glücksmoment, jedes Mal, wenn wir uns wieder finden, ich bin dann ganz im Jetzt. Sommer komm!
![]() |
| Bereit für die Fahrt mit dem Wind im Gesicht |
Und ja, das muss geschrieben sein, Bruce Springsteen sagte es in dieser Woche, am nächsten Dienstag startet in Minneapolis die Protesttour mit seiner E Street Band durch 20 amerikanische Städte, zuletzt Ende Mai unter freiem Himmel in Washington D.C., nahe dem Weissen Haus: «Mein Job ist ganz simpel: Ich tue, was ich tun will, ich sage, was ich sagen will, und dann dürfen die Leute sagen, was sie darüber sagen wollen. Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob man diesen oder jenen Teil seines Publikums verliert. Ich bin bereit für alles.»
Mehr Springsteens für diese Welt.
Zoë Më und der nicht anwesende
Stephan Eicher mit «Valse ä Demi» im Kaufleuten (YouTube)
Nächste musikalische Lesungen:
23. Mai, 18 Uhr, Gasthaus zum weissen Rössli, Mettmenstetten
Anmeldungen (es hat noch knapp 20 Plätze):
Wer nachher Essen mag (sehr zu empfehlen)
29. November, 11 Uhr, Wieder Immobilienwerkstatt, Küsnacht
Anmeldungen
fredy.wettstein@gmail.com
Meine Webseite
zum Blog, mit immer
wieder neuen Fotos und Tipps
Den Blog «Wieder im Auge»
kostenlos abonnieren oder
auf Facebook folgen und lesen. 






Kommentare
Kommentar veröffentlichen