Still

Blog-Nr. 370



Ein Stuhl. Ein Tisch. Ein Glas Wasser drauf. Noch unberührt. Niemand ist da, im grossen Theater, nur ein Tisch, ein Stuhl, ein Glas Wasser, sonst nichts. Still ist es. Die Stille vor dem ersten Wort. Die Stille, bevor etwas zu leben beginnt, einer Geschichten liest.

Ich liebe diese Momente, bei einem Konzert, bei einer Lesung, in einem Fussballstadion. Ich gehe gerne ganz früh zu einem Spiel. Wenn nur der grüne Rasen daliegt, aber noch keine Zuschauer hier, das Stadion noch mächtiger scheint und die leeren Tribünen stumm sind, noch niemand schreit und tobt und jubelt.

Oder eben jetzt. Der Stuhl. Der Tisch. Schon an diesem Abend im Theater ging es mir durch den Kopf, und nachher, als ich das Bild betrachtete, wieder. Die Geschichte des grossartigen Peter Bichsel, einer seiner ersten Bücher, «Kindergeschichten», erschienen 1969. Die Geschichte von einem alten, einsamen Mann, der sich langweilt und kein Wort mehr sagt, und sich fragt, weshalb er dem Tisch Tisch sagt und dem Stuhl Stuhl.

Und der für sich beschliesst, dem Tisch sage er jetzt Teppich und dem Stuhl sage er Wecker und es lustig fand und alles umbenannte, auch andere Wörter, frieren soll schauen heissen, und er sich so eine neue Sprache schuf, die nur ihm gehörte.

Und ich denke, wie wäre es, wenn wir uns auch andere Wörter ausdenken würden und damit vieles vielleicht hoffnungsvoller wäre.

Statt fürchterlich schön.
Statt Raketen Vorbild.
Statt Panzern Worte.
Statt Gefahr Harmonie.
Statt verzweifelt glücklich.
Statt diesem Namen, der mit Pu beginnt und mit in endet und den wir nicht in den Mund nehmen wollen, Dalai Lama.

Und wir schreiben:

Es ist schön, wie einer wie Dalai Lama die Welt mit seinen Vorbild und Worten in Harmonie bringt und uns glücklich macht.

In Bichsels Geschichte wurde der alte Mann am Ende noch einsamer und trauriger, nicht weil er die anderen Leute nicht mehr verstehen konnte, sondern weil sie ihn nicht mehr verstanden. Er schwieg nur noch, sprach nur noch mit sich selbst, in seiner Sprache.

Nur der Stuhl und der Tisch im Theater. Es ist still. Und die Stille tut gut.




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