Zwischen Krieg und Frieden

Blog-Nr. 449


Pippo Pollina mit seiner neuen Tour  «Fra guerra e pace»*



Es war wie damals, mitte der achtziger Jahre, als er es nicht mehr ausgehalten hatte, in seinem Palermo in Sizilien, und er von der Mafia und der Korruption in der Stadt flüchtete: Pippo Pollina, inzwischen 62, ist wieder der Strassenmusikant, wie damals in den Städten quer in Europa, auch in Zürich, im Niederdorf, nur er und seine Gitarre, Lieder singend, Leute legten Münzen oder Noten in eine Schachtel. 

Pippo Pollina mir Gitarre im Kaufleuten

So betritt er an diesem Mittwoch und Donnerstag zweimal das Kaufleuten, läuft durch den Saal, von ganz hinten nach vorne zur Bühne, inmitten der Zuschauer, nur er und die Gitarre, singt «A mani basse», seine Hommage an Muhammad Ali, den er so bewundert. Er beschreibt im Lied die Künstler, die Hoffnung verbreiten sollen in Zeiten, in denen Politiker versagen. Ein starkes Lied, eines von vielen von Pollina, der seit mehr als 30 Jahren im Zürcher Seefeld lebt.

Und das Lied soll uns in den Abend eintauchen, in seine neue Tour, ein kammermusikalisches Projekt mit einem Quartett auf der Bühne. «Fra guerra e pace» heisst sein neues Album, zwischen Krieg und Frieden, und Pollina ist es wichtig, in diesen schlimmen Zeiten solche Zeichen zu setzen, er findet, Künstler dürfen nicht schweigen, sollen und müssen ihre Stimme erheben.

Elsa Sandrini, Cecile Grüebler, Gionata Colaprisca und Roberto Petroli (von oben links)

Er tut es. Er will es. Und er macht es auf eindrückliche Weise. Er hat immer wieder Lieder komponiert, die neben der Liebe und der Melancholie auch die Ungerechtigkeit und die Wut darüber zum Thema haben, aber so politisch war er vielleicht noch nie. Er nimmt Stellung, er widmet das Album, wie er auf dem Umschlag schreibt, «all jenen, die jeden Tag mit dem Tod leben müssen, stolz oder resigniert, den Unschuldigen, die unter Bomben sterben, die von allen Himmeln dieser welt abgeworfen werden».

Er fordert in einem Lied Free Palestina, textet darin: 

«Schau dir diese schwarzen Augen an,
schau sie dir genau an/
Was sie gesehen haben, was sie zu erzählen haben/
Auch heute Morgen gibt es wenig Hoffnung und Frieden/
Aber viele Kräfte, die rufen Free Palestina» 

«La Notte dei Cristalli» ist ein anderes Lied auf dem Album, die Kristallnacht, er hat es zusammen mit seinen beiden Kindern Julian und Madlaina, beide auch Musiker, aufgenommen und ein Video gemacht (zu sehen auf Youtube). Auf der Tour sind sie nicht dabei, aber die Pianistin Elisa Sandrini aus Parma kann zeigen, welche phantastische Stimme sie auch hat.

In diesem Lied heisst es:

«Gib mir deine Hand, wenn du willst/
Lass sie nicht los, wenn du kannst/
Gib mir deinen Atem und deine Worte/
Gib mit dein Lächeln am Mittag in der Sonne»

Ausschnitt aus «La Notte die Cristalli» (YouTube)


Versuchen zu lächeln, auch wenn vieles so traurig ist, versuchen, Hoffnung zu verbreiten, auch wenn manches so hoffnungslos scheint – das versuchte Pippo Pollina immer, einst auf den Strassen Europas, jetzt auf Bühnen in vielen Ländern, in fast überall ausverkauften Häusern. 130 Konzerte allein in diesem Jahr stehen im Kalender. 

Und stets wird er zu Beginn wieder der Strassenmusikant sein.


*Dieser Text ist bereits auf meinen Facebook-Account erschienen.



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