Letzter Tanz
Blog-Nr. 422
Er kam nochmals durch die grosse Tür, ein grandioser letzter Auftritt, als würde er sagen, so war ich, so kann ich sein, denkt noch lange an mich, trauert ein wenig und vermisst mich, ihr Schwermütigen, ihr werdet mich lange nicht mehr sehen.
Natürlich lügt er, kommt er nochmals, dann aber durch die Hintertür, irgendwann, er wird eine Zusatzvorstellung geben, vielleicht nochmals in aller Pracht, vielleicht nochmals in ganzer Schönheit, vielleicht uns nochmals schwitzen lassend, wenigstens noch einmal, einen Apéro lang.
Aber doch, so fühlt es sich an: Er ging. Er hatte es ja angekündigt, seit Tagen schon, im Kalender rot eingetragen, Mittwoch, 27. August 2025. Um 15 Uhr war es dunkel geworden und bald setzte Regen ein, das Wasser im Zürichsee war immer noch 24.2 Grad, die Luft 25.6.
Bei Kurt Tucholsky hiess es einmal: «Es ist noch nicht kalt, es ist nicht windig, es hat sich eigentlich nichts geändert – und doch alles.»
Und begonnen hat sein Gedicht mit: «Eines Morgens riechst du den Herbst.»
Natürlich lügt er, kommt er nochmals, dann aber durch die Hintertür, irgendwann, er wird eine Zusatzvorstellung geben, vielleicht nochmals in aller Pracht, vielleicht nochmals in ganzer Schönheit, vielleicht uns nochmals schwitzen lassend, wenigstens noch einmal, einen Apéro lang.
Aber doch, so fühlt es sich an: Er ging. Er hatte es ja angekündigt, seit Tagen schon, im Kalender rot eingetragen, Mittwoch, 27. August 2025. Um 15 Uhr war es dunkel geworden und bald setzte Regen ein, das Wasser im Zürichsee war immer noch 24.2 Grad, die Luft 25.6.
Bei Kurt Tucholsky hiess es einmal: «Es ist noch nicht kalt, es ist nicht windig, es hat sich eigentlich nichts geändert – und doch alles.»
Und begonnen hat sein Gedicht mit: «Eines Morgens riechst du den Herbst.»
So ist es, wenn der Sommer geht. Noch nicht ganz, nur halb, aber doch, man fühlte es, er ging, hat sich verabschiedet, eben durch die grosse Tür. Nochmals Tucholsky, am Ende von «Die fünfte Jahreszeit»: «Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es sollte nie, nie aufhören … Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.»
Die schönste? Ja, vielleicht nicht mehr ganz heiss, noch nicht kalt, angenehm eigentlich, aber das Flirren des Sommers ist weg, seine eigene Poesie und seine Leichtigkeit, die Vögel bereiten ihren Flug in den Süden vor, die Wespen werden lahm, die Grillen zirpen nicht mehr.
Die schönste? Ja, vielleicht nicht mehr ganz heiss, noch nicht kalt, angenehm eigentlich, aber das Flirren des Sommers ist weg, seine eigene Poesie und seine Leichtigkeit, die Vögel bereiten ihren Flug in den Süden vor, die Wespen werden lahm, die Grillen zirpen nicht mehr.
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Rosiges Gold im Wasser |
Mit weissem Wein hatten wir auf ihn angestossen, es sind doch erst einige Wochen vergangen, und dann die vielen Gläser Rosé, die Farbe passt so, wenn die Sonne langsam untergeht über dem See, rosiges Gold und warme Nächte und schöne Träume, und jetzt werden die Gedanken wieder schwerer, melancholischer, der Herbst kommt, der ja auch wunderbar sein kann, nicht nur grimmig, aber damit ist auch der November nahe, der Monat der Traurigkeit und den früh dunklen und kühlen Nächten.
Steht man selbst im Herbst des Lebens, fällt es immer schwerer, sich von einem Sommer zu verabschieden, die Sommer werden weniger.
Ulrike Gastmann, eine deutsche Journalistin und Autorin mit wunderbaren Geschichten, schreibt in einem Beitrag auf Facebook: «Der August ist und bleibt doch irgendwie der Lebemann unter den Monaten – charmant, verschwenderisch und ein bisschen angetrunken vom eigenen Überfluss. (...) Ja, der August ist der DJ der Jahreszeiten – der den letzten Tanz unendlich schön in die Länge zu ziehen imstande ist. (...) Einige Gäste sind schon gegangen, andere lehnen angeschlagen in den Seilen des Sommers und ein paar knutschen noch schamlos mit der Urlaubsbekanntschaft im Park.»
Wunderbar diese Gedanken. Und es passt, im Radio wird «Mare, mare, mare» gespielt, von Pippo Pollina zusammen mit der sonoren Stimme von Giorgio Conte, dem Bruder von Paolo, es ist eine Hymne auf das Meer als Sehnsuchtsort in einer schwierigen Welt. Am Ende heisst es:
«Es gibt wohl keinen Ausweg/
die Welt wird untergehen/
dann nimm mich an die Hand amore /
und lass uns weggehen/
– ans … Meer, Meer, Meer.»
Ans Meer. Irgendwo bleibt er noch länger, der Sommer. Kommt er jeden Tag noch durch die grosse Tür. Lässt uns durch das Leben in lauen Nächten spazieren. Und tanzen.
Hier fröstelt der Herbst.
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