Ambühl, das Märchen

Blog-Nr. 383 (nochmals)



Das ist ein Text vom Februar dieses Jahres. Eine letzte Hommage an Andres Ambühl. Sie endete mit dem romantischen Wunsch nach einem wunderbaren Happy End. Er wurde mit dem HC Davos nicht Meister. Aber das Happy End findet in diesen Tagen bei der Eishockey-WM statt. Es ist seine Zwanzigste. Mit bald 42 Jahren. 

Er war nur als Ergänzungsspieler vorgesehen, nicht gedacht für eine grosse Rolle als Spieler. Mehr als einer, der mit seiner Art und seiner Erfahrung dem Team helfen kann. Und jetzt spielt er regelmässig  – und wie. Gestern, im letzten Gruppenspiel gegen Kasachstan, schoss er sein viertes Tor an dieser WM. Und seine Abschiedsreise geht weiter. Als Märchen. Deshalb nochmals dieser Text. 


Es ist doch manchmal so im Leben. Man fragt sich: Wann war das letzte Mal? Etwas gemacht? Etwas erlebt? Etwas gesehen? Nach einer verlorenen Liebe: Wann war der letzte Kuss? Oder die Frage: Wann war das letzte Spiel? Nicht als Profisportler, dafür gibt es Statistiken, sondern als Hobbykicker auf irgendeinem Rasen, der wohl damals mehr ein Acker war, die Knie schmerzten schon lange, doch irgendwann ging es nicht mehr. Aber wann und wo war das? 

Oder, damals Charles Aznavour in Wien oder Lucio Dalla im Zürcher Kongresshaus oder Udo Jürgens im Hallenstadion, man durfte dabei sein, es waren ihre letzten Auftritte. Kurze Zeit später verstarben die Sänger.

Oder warum habe ich Leonard Cohen vorher in Montreux und dann nachher an jenem Augustabend im Sommer 2013 im Hallenstadion nicht noch mehr genossen, seine Melancholie und seine grossartige Stimme? Es waren in Europa seine letzten Konzerte auf seiner Old Ideas World Tour, nachher ging es ihm nicht mehr so gut, er starb drei Jahre später.

Oder das: Zinédine Zidane, sein letztes Spiel im französischen Nationalteam, ein Melancholiker mit dem Ball, es hätte beim WM-Final 2006 in Berlin ein grandioser Abschied werden können, doch er wurde zum Rächer, mit seinem Kopfstoss gegen den Italiener Materazzi. Ich litt mit ihm, wie viele andere.

Aber, es bleibt immer im Kopf: Zidanes letztes Spiel.

Und jetzt ist auch einer auf seiner Abschiedstour. Andres Ambühl, den alle nur «Büeli» nennen, 42 wird er in diesem Herbst, doch fast 25 Jahre lang lief und lief und lief er über das Eis in vielen Hockeystadien, als würde er nie müde werden, mit einer Spielfreude, wie es Kinder zeigen, voller Lust und Leidenschaft, unermüdlich.

Ambühls 1310. Spiel in der höchste Schweizer Liga

Noch einmal also «Büeli». Noch einmal im Dress seines HCD, die Nummer 10, sie wird bald im Dach der Davoser Eishalle hängen, kein anderer wird je wieder diese Nummer tragen dürfen. Deshalb ging ich hin, gestern Abend in die Arena des ZSC in Altstetten, wollte ihn nochmals sehen.


Seine schnellen Beine, die ihn so weit trugen, werden langsam müde. Das spürt er, deshalb gab er in einer Videobotschaft vor kurzem bekannt, dass er aufhören wird, eine Einsicht, die ihm schwer fiel, denn am liebsten wäre er noch lange über das Eis geflogen. Aber er wolle nochmals Vollgas geben in diesen letzten Spielen, zusammen mit seinen Fans, mit denen er eine coole und, wie sie im Prättigau und Landwassertal sagen, hübsche Zeit erlebt habe.

Ambühl hat fast alle Rekorde gebrochen, die es im Eishockey gibt, kein anderer Spieler hat mehr Weltmeisterschaften bestritten als er (jetzt 20) und auch mehr Länderspiele (346) oder in der höchsten Schweizer Liga mehr gespielt (mit  1322), aber eigentlich interessieren ihn solche Zahlen gar nicht, er selber hat sich nie wichtig genommen, er, der bescheidene Bergbauernsohn aus dem idyllischen Sertigtal, der nicht gerne redet, sondern am liebsten einfach auf seinen Schlittschuhen den Puck am Stock führt.

Jetzt also in der Swiss Life Arena. Und als das Spiel zu Ende war und die Davoser sich von ihren Fans in der einen Ecke des Stadions feiern liessen, fragt man sich: Ist Andres Ambühl nicht noch viel zu jung, um bald aufzuhören mit dem, was für ihn so lange das Leben bedeutete? Davos siegte beim ZSC 5:3, «Büeli» lief (und lief und lief), er kämpfte, checkte, er schoss ein Tor (zum 1:1), verbuchte dazu einen Assist, hatte früh im Spiel eine grosse Chance, und seine Beine schienen nie müde zu werden.

Er läuft und läuft und läuft – mit bald 42

Ambühl, der Bauernsohn, sagte einmal den schönen Satz: «Wenn die Kühe im Winter etwas zu fressen haben sollen, muss man im Sommer dafür arbeiten», und er beschrieb damit die Einstellung des Hockeyspielers Ambühl.

Jetzt also bald ein Sommer, in dem er sich nicht mehr für den Winter quälen will? Fast nicht zu glauben. Aber vielleicht gibt es einen langen Frühling mit einem wunderbaren Happy End: Es wäre der siebte Meistertitel für Ambühl. 18 war er beim ersten. Vor 21 Jahren spielte er seine erste WM.

Und übrigens: Wann war mein letztes Spiel als Plauschhockey-Spieler gewesen? Im Keller steht noch ein (verstaubter) Stock von Ambühl.


Eine nächste musikalische  Lesung 21. August
im Garten  bei «Culture Time» in Winterthur 


Fredy Wettsteins Blog «Wieder im Auge» 
 auf Facebook folgen und lesen. 


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Besuch bei Mamma

Kuno Lauener und der Fotograf

Hoarau – bitte nicht, YB!

Diego (8): «Yanick, Yanick»

Das Flick-Werk

Abschied nehmen

Genug ist genug

Chaos bei GC

Weite Reisen

Chloote!!!