Autos zählen

Blog-Nr. 387


Eine Erinnerung an damals



Opel gegen BMW 14:9. Oder vielleicht nur 13:9, einer war kein Opel, wir stritten zwar kurz darüber, wer nun Recht hat. VW gegen Fiat: 17:8. Eindeutig, von den Käfers, den kultigen Blechkugeln, die noch gar nicht so hiessen, aber alle so nannten, die meisten hatten noch ausklappbare Blinker – sie wurden «Winker» genannt, oder? –, also diese Käfer sah man oft auf den Strassen, damals, viele hatten hinten noch kleine, zweigeteilte Fenster.

Und deshalb war es einfach: Wer VW wählte, hatte es einfach, es gab ja auch noch viele Busse mit dem grossen VW vorne auf der Brust – mit VW gewann man, damals.

Ach, damals, ich und meine Schwester sassen an Sonntagnachmittagen im Elternhaus auf unserer Terrasse, je auf einem Campinghocker, aber die jüngere Schwester musste aufstehen, mit ihrem Block und Bleistift in der Hand, damit sie genau sehen konnte, was es nun war: Ein VW oder Fiat oder Opel (Rekord!) oder Ford (Capri!), vielleicht ein Renault, oder ein Citroën, diese schönen Autos, muschelartig, vielleicht ein Mercedes, aber die gab es damals noch weniger, manchmal ein Simca, ja, Simca, gibt es längst nicht mehr.

Was jedoch sicher war: Die Autos waren viel besser zu unterscheiden, sie waren nicht austauschbar, noch richtige Originale.

Mein Liebling, aber so einer kam vielleicht einmal an einem Nachmittag und auf den konnte man nicht wetten: Der Chrysler Plymouth, so elegant und lang, fast von Zürich bis Rapperswil, und ja, ohne Dach, der Fahrer, es gab damals fast nur Fahrer, nicht Fahrerinnen, seinen linken Arm lässig auf die Türe gestützt, einen Hut trug er, rauchend. Oder dann ein Döschwo, der muss einmal mein erstes Auto sein, dachte ich (und er wurde es), Döschwo, das sah nach Freiheit aus, unbeschwertes Leben.

Der (seltene) Traum Chrysler Plymouth

Wir machten unser sonntägliches Spiel und zählten Autos: Jemand die VW’s, jemand nahm Opels oder Fiats oder Fords, auch Alfas, so elegantitalienische Autos, und eben: Wer VW auf dem Zettel hatte, der gewann praktisch immer. Wir wechselten immer wieder, einmal durfte sie zuerst die Marke wählen, dann ich.

An dieses Spiel dachte ich, als ich kürzlich nach der Lesung in der Immobilienwerkstatt in Küsnacht noch im Freundeskreis zusammen vor dem Eingang sass, bei Salami und Weissem und guter Laune und vor uns, 30 Meter entfernt, die Seestrasse.

Wir wohnten damals ganz in der Nähe.


Ein Döschwo wurde dann das erste Auto

Jetzt, es war sonnig, frühlingshaft schön, fuhren auf der Seestrasse ständig Autos in beide Richtungen, früher, damals um die sechziger Jahre, waren die Autos viel seltener, es gab manchmal eine lange Pause, aber man hörte sie von weitem einiges besser, die Käfer ganz besonders.

Es war unser Spiel. Vorher vielleicht auf der grossen Terrasse ein Springen und Hüpfen mit dem Seil – wer schafft mehr und springt länger? -, oder am Tisch Eile mit Weile gespielt und oft wenig Weile und viel Eile, weil der Verlierer sofort beim nächsten Mal gewinnen wollte, oder das Leiterlispiel oder Mikado mit den Stäbchen.

An diese Zeiten dachte ich. Jetzt, an diesem Sonntagnachmittag, als wir vor der Immobilienwerkstatt sassen, die einst ein Hotel und später ein alkoholfreies Restaurant war, mit einer gewissen Leere nach der Lesung. «Dopo il concerto» kam in den Kopf, ein schönes Lied von Pippo Pollina über die Einsamkeit nach einem Auftritt – und unter uns, auf dem Weg, der durch eine Unterführung zum See führt, liefen zwei Jugendliche, jeder, es waren zwei Jungs, hatte einen Ipad vor sich, im Ohr die Stöpsel, laufend und draufschauend, einer wäre beinahe in die Mauer gerannt. Sie spielten irgendein Spiel.

Unten beim See, beim Schiffsteg vielleicht, werden die beiden Jungs weiter gamen. Und wir, damals 1963, auch anfangs März noch, spielten dort Eishockey auf dem zugefrorenen See. Aber das ist eine andere Geschichte.


Eine nächste Lesung 21. August
 bei «Culture Time» in Winterthur 



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