Liebe Kabine



Deine Tür ist verschlossen. Zugeriegelt. Mäuschenstill ist es. Niemand schreit, niemand flucht, niemand poltert, niemand lärmt, und sollte der Boden drin feucht gewesen sein, von Flaschen, die ausgeleert wurden oder gar, manchmal gibt es das, Tränen, die flossen, nach Niederlagen, bei den Kleinen vor allem, dann ist es nun trocken.

Es liegen, denke ich, auch keine vergessenen Socken oder Schienbeinschoner mehr in irgendeiner Ecke, keine Papierfetzen, auf denen irgendwelche Aufstellungen, Namen und vielleicht Nummern dazu und geheime taktische Anweisungen stehen. 

Du wirst, liebe Kabine, aufgeräumt sein, blitzsauber alles.


Vermute ich, sehe es aber nicht. Deine Türe ist zu. Sommerpause. Draussen auf dem Rasen, wenn er nicht aus künstlichen Fasern ist, steht eine Tafel: «Betreten verboten» oder «Rasen gesperrt». Das Grün soll wieder nachwachsen, die vielen braunen Flecken, Zeugen von unerbittlichen Kämpfen und beinharten Duellen, müssen verschwinden. Vielleicht spritzt aus irgendeinem Rasensprenger Wasser. Ein Vogel fliegt heran, hat Durst. Die Tore sind weggeräumt. Die Anzeigetafel zeigt 0:0. Die Uhr läuft nicht.

Und du, liebe Kabine, als Garderobe angeschrieben, bist leblos. Und es kommt mir der Film des Zürchers Michele Cirigliano in den Sinn, «Fussball Inside» heisst er, ich sah ihn vor ein paar Jahren im Kino Riffraff. Er erzählt vom Leben in der Kabine, zeigt, was dort abgeht, vor dem Spiel und nachher, mit allen Emotionen, bei Profis, Frauen, Kindern, auch alten Männern mit Glatze und Bauch, das Bier in der Hand, und der Torhüter, er war mal talentiert, ist jetzt aber ein Veteran und Fahnder im Zürcher Rotlichtmillieu und seine Reflexe sind langsam geworden, er hat wieder mal einen Ball verfehlt, harmlos war er, und sagt dann zu seinen Kollegen reuig: «Ich chume use und ghei uf d’Schnurre.» Sie lachen alle. Sie kennen das.

Aber was sagen wir Alten, bei denen irgendwann der Moment gekommen war, wo der letzte Ball gespielt oder als Torhüter verfehlt wurde und wir einsahen, dass es jetzt endgültig keinen Sinn mehr machte? Oder auch jene, die mit ihren Beinen Millionen verdient haben und ihre Karriere beendeten? Man hört immer wieder das Gleiche, ich, der Alte oder ich, der umjubelte Star, alle sagen: «Am meisten vermissen wir die Kabine».

Das Leben dort, die Nervosität vor einem Spiel, gleich, ob der Gegner Real Madrid heisst oder Zollikon III. Der Geruch von irgendeinem Zeug, das wir einsalben, weil wir glauben, die Beine würden damit schneller und die Muskeln stärker, der Zaubertrank aus irgendeiner Flasche, gemeinsame Rituale, alle umarmen sich und rufen etwas, reden, oft auch nur dummes Zeug, oder auch nur der Klaps auf deinem Rücken vom Nebenspieler, der es vielleicht aufmunternd meint und vielleicht auch nur hofft, dass es wenigstens diesmal gut gehen mag, mit dem Torhüter und seinen zittrigen Händen.

Und dann in der Pause, «kommt, das schaffen wir noch!», nach dem Spiel, tanzend unter der Dusche oder schweigend und innerlich fluchend, weil wir es doch wieder nicht geschafft haben, wie meistens.

Liebe Kabine, wir vermissen dich, wir alle, die einen Teil ihres Lebens darin verbracht haben.

Sommerpause: Nicht betreten bitte

Und jetzt, wenn ich vor dir stehe, mit «Garderoben 3 und 4» beschrieben und der verschlossenen Tür, kommt mir auch das in den Sinn, es ist immer wieder zu hören, in letzter Zeit besonders oft, wenn Trainer verlieren und kurz davor stehen, entlassen zu werden: Sie haben die Kabine verloren.

Die Kabine verlieren? Hm. Wie einen Schlüssel. Oder die grosse Liebe. Oder den Glauben.

Es soll heissen, ein Trainer hat seine Spieler verloren, sie wollen nicht mehr auf ihn hören, als sei ein Graben dazwischen, die Spieler in der Kabine, der Trainer draussen. Weggesperrt.

Liebe Kabine, du musst für so vieles herhalten. Und jetzt, in diesen Wochen im Sommer, ohne Ball, hast du auch die Spieler verloren.

Du bist wirklich einsam. Zeit, dass wieder was geht.

Dein Ball.





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Kommentare

  1. Anonym8.7.23

    Aus jeder Zeile des Textes spürt man die Authentizität des Autors !
    R.M.

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