Menschen und ihre Geschichten

 

Das Buch liegt schon seit einiger Zeit griffbereit, ich nahm es immer wieder in die Hand, weil es optisch so schön ist, mit einem mittelmeerblauen Leinenumschlag und einem gemalten poetischen Bild vorne. Es macht Lust, es nur schon in den Händen zu halten, doch ich legte es immer wieder weg, denn ich dachte, ich kann es jetzt nicht lesen, jetzt nicht, wo wir alle so viel anderes lesen und sehen und hören, so viel Schlimmes und Zerstörerisches. Es geht nicht. Es passt nicht. «Ein Haus für viele Sommer» heisst das Buch, geschrieben vom Münchner Bestsellerautor und Kolumnisten Axel Hacke.

Bestsellerautor Axel Hacke bei der Arbeit.

Und dann begann ich doch zu lesen, an einem Sonntag, es war frühlingshaft draussen, aber ich blieb im Bett, nicht freiwillig - und hörte nicht mehr auf zu lesen, bis zum letzten Satz auf der Seite 285. Ich war abgelenkt, hatte vergessen und verdrängt, was uns im Moment so Angst macht, all die schrecklichen Bilder.

Und tauchte ein. In diesen Sommer, der nicht nur ein Sommer ist, in diese vielen Wochen in einem uralten Haus mit dicken Mauern, das ein Turm, ein ehemaliger Wachtturm ist, la torre auf italienisch, für Hacke und seine Familie ist es der Torre. Er liegt auf einem Hügel in einem kleinen Dorf auf einer Insel.

Tauchte ein in Hackes Welt. In sein geheimnisvolles Haus, das Hacke und seine italienische Frau vor vielen Jahren geerbt haben, in das Leben in diesem Dorf mit seinen Menschen, in ihre Geschichten. Die meisten hätten, wie er sie erzählte, so nicht stattgefunden, die Menschen, wie sie auftreten im Buch, würden so nicht existieren, sagt Hacke in seinen Nachbemerkungen. Aber er habe natürlich seine Anregungen und Vorbilder gehabt, und diese verdanke er dem kleinen Dorf Capoliveri auf der Insel Elba. Dort hat er sein Ferienhaus, seinen Torre, und es ist kein Ort für (nur) Ferien, er verbringt hier viele Wochen im Jahr, arbeitet, schreibt, lebt, erlebt vor allem vieles, mit diesen Menschen im Dorf.

Das Dorf Capoliveri auf der Insel Elba.

Sie heissen Antonio, Mauro, Corrado, Lorenzo, Paolo, Carlo, Beppe, Arturo, Thomas, Enrico, Taddeo, Mimmo, Gavino, Ennio, Dante, Henky, sie haben noch viele andere Namen, es sind fast nur Männer; sie sind Strandwächter, Schreiner, Maler, Dichter, Käferforscher, Trockenmauerbauer, Klempner, pensionierte Vespaflicker und noch viel anderes; einer hat mal ein Wildschwein von seinem Ehebett aus erschossen, und einen nennt er den Abenddiensthabenden in der Bar, die Bar im Dorf hat im Buch keinen Namen, Hacke schreibt immer nur, und es ist kursiv gesetzt, von der ganz bestimmten Bar.

Es geht im Buch um einen alten Cinquecento, um einen Radwechsel, weil einer der Reifen zerfetzt ist, es handle sich um den ältesten noch in Gebrauch befindlichen Reifen der Welt, der zweit-, dritt und viertälteste würde sich an den anderen Rädern des Autos befinden. Es geht um Hunde, Ziegen, Wildschweine, um eigene Oliven und wie stolz Hacke ist bei der ersten Ernte und sie 468 kg von den Bäumen schütteln und daraus dann 64 kg Öl werden. Es geht um den Müll im Dorf, um das Müllauto, die Mülltüten, den Müllhofchef.

Es geht um so vieles, Alltägliches, auch ums Nichtstun. Es geht im Buch um «das auf die Schnelle nicht erkennbare Gespinst von Beziehungen» wie Hacke schreibt, wir sehen die Gesichter der Menschen nicht, sie werden von ihm beschrieben, und wir glauben, je mehr wir lesen, desto besser kennen wir sie und ihr Leben, ihr jetziges und früheres, und gewinnen sie lieb, die Leute aus diesem Dorf.

Vor wenigen Wochen hatten doch all diese Menschen in der Ukraine
 auch ihre alltäglichen Geschichten 

Im Fernsehen, in den Zeitungen, auf all den vielen sozialen Kanälen sehen wir in diesen Wochen viele Gesichter, Gesichter von Menschen im Krieg. Wir sehen ihr Leiden, ihren Schmerz, ihre Trauer, wir sehen eine alte Frau, die verzweifelt ihre Katze in den Händen trägt, weil sie diese nicht verlieren möchte, und zwei Soldaten, die die alte Frau retten wollen, weil ihre Wohnung bombardiert wurde. Wir sehen so viele verzweifelte Menschen – und es ist doch erst einige Wochen her, da hatten all diese Menschen in der Ukraine und all die Soldaten aus beiden Ländern auch ihr anderes Leben, ihre alltäglichen Geschichten, in der Stadt, in irgendeinem Dorf.

Und deshalb tut «Ein Haus für viele Sommer» so gut, es tut so gut, wie Hacke erzählt, vergnüglich manchmal, amüsant, auch nachdenklich, selbstironisch, sehr präzis. Hacke sagt, er habe beim Schreiben dieses Buches so viel Spass gehabt wie bei keinem anderen seiner Bücher. Er fragt sich: «Hätte ich wirklich die ganze Welt gesehen, wenn ich das Dorf nicht gesehen hätte?» Das Dorf, in das ihn doch nur der Zufall und die Liebe gespült hat.

«Ein Haus für viele Sommer.» Von Axel Hacke. - Verlag Antje Kunstmann. - 285 Seiten.


Axel Hacke liest am 29. Oktober 2022 im Kosmos in Zürich.
lllllll

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kuno Lauener und der Fotograf

Besuch bei Mamma

Hoarau – bitte nicht, YB!

Diego (8): «Yanick, Yanick»

Abschied nehmen

Das Flick-Werk

Chaos bei GC

Weite Reisen

Genug ist genug

Chloote!!!