Kein «Frankfurt» in Peking


Es war meistens spät, schon Mitternacht. Oder noch später. Und bis wir wieder gingen, war es zwei Uhr früh. Oder später, manchmal. Und manchmal gingen wir und kamen zurück, für ein allerletztes Glas. Es war so angenehm, es waren schwüle Nächte damals, in diesem Sommer 1992.

Wir hatten unsere letzten Texte fertig geschrieben, die Zeitung in Zürich inzwischen im Druck, und wir stiegen herunter vom olympischen Berg Montujic in Barcelona, vorbei an Springbrunnen und die Lichter der Stadt vor Augen, müde vom Tag, aber noch wach für die Nacht, und manchmal kam jeder von einem anderen Ort, weil der eine noch über Schwimmen und der andere über Ringen oder Fechten schreiben musste, und einer kam meistens vom Basketball und schwärmte von seinem Dream-Team. Und dann trafen wir uns in diesem Lokal, gleich um die Ecke unseres Appartements im Quartier Sants, fast immer trafen wir uns dort, drei Wochen lang.

Das Lokal hiess «Frankfurt», es war kein Restaurant, das in irgendeinem Stadtführer erwähnt worden wäre, es war eigentlich nur ein kahler Raum, eine kleine Küche dahinter, etwas dunkel, doch wir sassen draussen auf dem Trottoir an der Calle del Ecuador, auf unbequemen Stühlen an einem kleinen runden Tisch, vielleicht, aber das weiss ich nicht mehr, hat der Mond etwas fades Licht gebracht.

Olympisches Turmspringen in Barcelona.

Eine Karte gab es nicht, drinnen konnte man etwas aussuchen, jeden Tag etwas anderes und doch immer wieder das Gleiche. Die Muscheln waren hervorragend, wir tranken unseren spanischen Rosé oder den Roten, einer sein Bier, wählen konnten wir nicht gross. Taxifahrer hielten an, stiegen aus und setzten sich kurz, es wurde viel und auch laut geredet, und manchmal torkelten auch einige vorbei, nicht, weil sie müde waren. Wir atmeten von der Quartierstrasse die Abgase, es war eine eher düstere Gegend. Aber es war unser Ort, unsere Heimat in diesen olympischen Tagen, wir fühlten uns wohl. «Frankfurt» in Barcelona, das kommt einem spanisch vor. Aber wir redeten, wenn wir uns wieder sahen, noch Jahre später davon.

Erinnerungen an olympische Spiele sind solche, es sind die Geschichten abseits der Stadien und Medaillen, des Jubels der Sieger und der Tränen der Verlierer, der grossen Namen. Es sind persönliche Momente in fremder Umgebung, die bald nicht mehr fremd schien.

Olympia fühlt sich ja immer wieder an, als wäre es
eine von der Welt abgekoppelte Blase.

Mein Kollege Marco aus Tagi-Zeiten überlegt sich im Moment: Soll ich wirklich gehen? Es wären seine achten olympischen Spiele, er sei, sagt er, eigentlich ein Olympiafan, er liebt es, an einem Tag über dies und am anderen über das zu schreiben, er taucht gerne ein in diese Welt. Aber jetzt? Er war schon einmal in Peking, damals, 2008, war Sommer und Corona ein Bier, jetzt ist Peking die erste Stadt, die, 14 Jahre später, auch Spiele im Winter austrägt, in einem Land, das man kaum mit Winter in Verbindung bringt, aber mit viel anderem. Es sind komplizierte und fragwürdige Spiele. Denkt man heute an Olympia fällt einem viel Negatives ein, diesmal besonders.

Es werden Spiele in einer Blase sein, aber Olympia fühlt sich ja immer wieder an, als wäre es eine von der Welt abgekoppelte Blase. Es passt eigentlich, Spiele in diesem Land in diesen pandemischen Zeiten. Und Omikron verbreitet sich auch in China, trotz strengster Massnahmen und Null-Covid-Strategie.

Marco und alle, die hingehen, um Olympia zu erleben und Medaillen zu gewinnen oder darüber zu berichten, füllen in diesen Tagen viele Dokumente aus, müssen Apps herunterladen, und sie sollen jeden Tag ihre Temperatur messen, vielleicht werden auf einem App auch ihre Schritte gezählt, die sie hier noch gehen oder was sie täglich schlucken.

Olympische Skirennen in Peking.

Und in Peking müssen sie in dieser Blase leben, abgeschottet von allen, die nichts mit Olympia zu tun haben, eingesperrt zwischen Zäunen und Gittern, bewacht und überwacht, täglich getestet.

Wenn Marco - falls er geht, und er wird wohl gehen, denke ich - sich in 30 Jahren daran erinnert und davon erzählt, wie es war, damals in Peking, bei diesen Spielen bei denen man möglichst Abstand nehmen musste und keinen Kontakt haben durfte und nichts von China erlebte, dann wird er sagen: Ich zitterte jeden Tag, bin ich negativ oder positiv?

Ein «Frankfurt» um Mitternacht wird es in Peking nicht geben. Ob es das «Frankfurt» in Barcelona noch gibt, weiss ich nicht. 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kuno Lauener und der Fotograf

Besuch bei Mamma

Hoarau – bitte nicht, YB!

Diego (8): «Yanick, Yanick»

Abschied nehmen

Das Flick-Werk

Chaos bei GC

Weite Reisen

Genug ist genug

Chloote!!!