Felice, der Glückliche

Ein Buch über einen 90-Jährigen und den Alltag in einem Tessiner Bergdorf.

Beim Lesen des Buches kommen Bilder in den Kopf, wie es war, erst kürzlich, als viele dachten, es werde nie mehr so sein, wie es zuvor war. Diese Stille, diese Leere, diese Ruhe, auf Strassen und Plätzen, auch mitten in Zürich, wir fuhren Velo, wir spazierten oder joggten, wir entdeckten Orte ganz in unserer Nähe, die wir vorher nicht sahen, weil wir blind dafür waren. Vom einen Tag zum anderen hetzten wir nicht mehr, wurde unsere Welt kleiner. 

Es tat gut, fühlten wir. Wir waren entspannt. Der Alltag war ein anderer. Wir beobachteten intensiver.

Die Welt ist auch eine andere, in diesem Buch des Tessiners Fabio Andina, «Tage mit Felice». Es ist sein zweiter Roman, der erste mit deutscher Übersetzung, der Originaltitel heisst «La pozza del Felice», zu übersetzen mit der Tümpel des Felice. Auch der «Spiegel» hat kürzlich auf zwei Seiten über das Buch geschrieben, hinreissend sei es, ein grosses Vergnügen.

Ausriss aus dem «Spiegel», vom 4.7.2020. Im Bild Autor Fabio Andina.

Es passiert wenig darin, fast nichts, es schildert den Alltag in Leontica, einem Dorf hoch oben über dem Bleniotal im nördlichen Tessin, dem Dorf von Felice. Diesen Felice, 90 ist er, etwas kauzig, aber sympathisch, immer gelassen, er trinkt keinen Alkohol und isst kein Fleisch, und meistens läuft er barfuss umher, darf der namenlose Ich-Erzähler im Buch einige Tage lang begleiten. Er lernt so die Kunst des einfachen Lebens kennen, die Bar, in der viel getrunken wird, den Bauer Sosto, der letzte, der noch Kühe hat, Tito, der ständig pafft und mit sieben Brioches und zwei Merlots frühstückt, viele andere Menschen, die hier noch wohnen, in der Abgeschiedenheit. Ihr Leben und ihre Geschichten.

Den Suzuki, mit dem sie zusammen von Dorf zu Dorf fahren, müssen sie meistens zuerst anstossen, er parkt ihn deshalb immer leicht abschüssig. Felice hupt vor jeder Kurve, er redet wenig, sagt aber immer wieder bòn, gut, und jeden Tag kraxelt er vor dem ersten Hahnenschrei einen Berg hoch, selbst im Winter bei Schnee badet er dann splitterfasernackt in einem eiskalten Tümpel. Felice, der Glückliche, so wirkt er.

Andina schreibt oft in kurzen Sätzen, er beobachtet genau, mit viel Poesie und kräftigen Bildern, über diesen Felice, der mit der Natur und im Frieden in seiner Welt lebt, in diesem kleinen Tessiner Bergdorf, in dem die Menschen eher wortkarg sind. Ein kleiner Auszug, Seite 56:

Wenn man mit Felice zusammen ist, kommt das Gespräch oft auf Scheinheilige, Schurken und Hochstapler, auf die Ungerechtigkeiten der Welt und den Tod.

Aber Felice. Wenn wir sterben, was wird dann aus uns?

Wenn wir krepieren, werden wir alle zu Kompost, alle miteinander, denn alle haben wir rotes Blut, Diener und Herren, Schöne und Hässliche, Dummköpfe, Doktoren, Bauern, Priester, alle in ein Loch, zwei Meter unter der Erde und amen, und das ist die reinste schönste Wahrheit, die es immer gegeben hat und an der sich nie was ändern wird, antwortet er in einem Atemzug und ohne eine Miene zu verziehen.
 
Stimmt, Felice, stimmt.

Er sieht mich kurz an, wie um sich zu vergewissern, dass ich wirklich seiner Meinung bin. Die einzigen Wahrheiten, fährt er fort und schaut wieder auf die Strasse, sind Geburt und Tod, so sehe ich es. Dazwischen ist der ganze Rest. Wie ein Fluss, der an uns vorbeifliesst. Und wir verbringen unser Leben damit, ihm beim Fliessen zuzusehen, bis unsere Batterie den Geist aufgibt.
 
Ich stelle ihn mir vor, den Felice. Friedlich in seinem Winkel an einem Ufer, wo er das Leben vorbeifliessen sieht, still und allein.

Es ist ein Buch, das entschleunigt. Und deshalb kommen beim Lesen die Bilder in den Kopf, wie die Welt auch bei uns für einige Wochen war. Ein Leben in der Stille. Es ist ein sanftes Buch.

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