Wenn der Applaus fehlt

Keine Zuschauer, weder im Theater noch beim Fussball: Zürich, Rigiblick und Letzigrund.

Ein spätabendliches Telefongespräch mit Daniel Rohr, dem künstlerischen Leiter des Theater Rigiblick in Zürich. Er ist eben in sein Auto gestiegen, war in seinem Haus oben am Zürichberg, dem Theater mit der schönsten Aussicht auf die Stadt, hatte einiges zu erledigen, nicht nur Angenehmes in diesen Zeiten, und wie immer viele Ideen im Kopf, über neue Stücke, die er vielleicht aufführen will, wenn irgendwann wieder Theaterabende möglich sind. Noch sind diese nur vage, erst umrissen einige, er überlegt sich eine kleine Geschichte, eine Erzählung, die vielleicht zu einer grossen wird, einem Stück für sein Programm. 

Rohr spricht davon, wie sehr er die Natur genossen hat in den letzten Wochen, in seinem Bauernhaus, so intensiv wie vielleicht noch nie hat er wahrgenommen, wie etwas wächst und blüht, und er redet auch vom eigenartigen Gefühl, wenn er in seinem Rigiblick war, wie an diesem Abend. 


Schauspieler, Regisseur, Produzent und vieles mehr: Daniel Rohr, Leiter Theater Rigiblick. 

Ganz alleine war er da, in seinem Büro, aber auch im Theatersaal, mit der leeren Bühne, den leeren Stühlen, im Foyer mit der Bar, verlassen. Und wie es ihm fehlt, was er eben sonst seit Jahren fast jeden Abend in seinem kleinen Haus erlebt, seine Vorstellungen sind fast immer ausverkauft: Das Publikum, das sich langsam einfindet, die Gesichter, die er kennt, weil viele ganz oft kommen und immer wieder, die Nervosität vor der Aufführung, das Geplapper in der Garderobe, die Minuten, bevor das Licht angeht, der lange Applaus nachher, die Gespräche bei Wein und Bier, das ganze Gewusel, wie Rohr sagt, einfach die besondere Atmosphäre, die enge Beziehung zwischen Schauspieler und Zuschauer. Es sei fast eine Familie.
«Das Theater ist ein Gesamtkunstwerk, das sich nicht nur auf die Bühne beschränkt», sagte Daniel Rohr.
Dem Theatermenschen fehlt das Theater, und als wir unser Telefongespräch beendet haben, frage ich mich: Was wird sein, wenn am nächsten Samstag in der deutschen Bundesliga wieder Fussball gespielt wird und wir am Fernseher zuschauen können, wie sie spielen, aber jene im Stadion nicht da sind, die ihnen üblicherweise zuschauen, nahe sein und für Stimmung sorgen können? 

Der Applaus, die Zuneigung des Publikums vermisse man halt, es fehle, sagt Rohr, der alles ist, Produzent, Regisseur, Programmierer, Ideenentwickler, Schauspieler und Sänger, er nimmt manchmal beim Eingang auch die Tickets ab, er hat unendlich viel Energie. Er liebt das Theater, aber es gehören für ihn auch jene dazu, die das Theater lieben. Erst das, die Darsteller auf der Bühne und das Publikum im Saal, machen es zu einem Schauspiel. Das Theater ist ein Gesamtkunstwerk, das sich nicht nur auf die Bühne beschränkt, sagt Rohr.

Und deshalb fragte ich mich: Wie wird es sein, wenn am Samstag in Deutschland und vielleicht in einigen Wochen auch bei uns in leeren Stadien wieder getschuttet wird? Wie wird es sein, nicht nur für uns, die vor dem TV sitzen, sondern für die Spieler? Es ist ihr Beruf, weil sie dieses Spiel schon geliebt haben und auch wenn sie – oder sehr viele – inzwischen damit Millionäre geworden sind, immer noch lieben. Aber sie wollen auch geliebt werden, begehrt und bewundert.
Die Spieler sind auf sich alleine gestellt, reduziert auf den Ball. Fussball ist nur noch ein simples Spiel.
Sie spielen nicht nur Fussball, weil sie es gut können und gerne machen, sie sind auch Schauspieler für das Publikum, sie spielen mit dem Publikum, benützen es, im Jubel, aber auch mit Gesten, die manchmal weniger schön sind, zwischendurch gar provozierend. Und wir, die Zuschauer im Stadion, zeigen unsere Emotionen, teilen sie mit ihnen, es ist eine Interaktion. Im gleichen Moment haben ganz viele das genau gleiche Gefühl.

Jetzt wird der Applaus für lange Zeit fehlen, die Spieler sind auf sich alleine gestellt, reduziert auf den Ball, nur sie selber können sich Energie geben. Fussball ist nur noch Fussball, ein simples Spiel.

Auch Theater kann man für sich spielen, das Drehbuch und die Gesten bleiben gleich, und es gibt auch Regeln, es ist ein Zusammenspiel mit vielen, aber dass die Aufführung ein Gesamtkunstwerk wird, wie Rohr es sagt, braucht es eben die Zuschauer, den Applaus am Schluss, die Anerkennung.

Fussball ohne Kulisse ist ein anderes Spiel. Und doch: In diesen Zeiten habe ich manchmal Kindern zugeschaut, wie sie auf einer Wiese alleine spielten, eins gegen eins oder drei gegen drei, niemand sonst da, kein Geräusch, nur sie und der Ball, ich habe ihre Bewegungen studiert, ihr Geschick und auch ihre Technik, ihre Lust am Spiel beobachtet, ihre Freude – es war schön. So rein.



Kinder und ihre Lust am Spiel: Küsnacht-Goldbach.

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