Natur mit Latour

Hanspeter Latour beobachtet Tiere und Pflanzen statt Bälle: Geissegg im Eriztal, Mai 2020.

Er hat einen Feldstecher umgehängt. Er möchte nicht, dass seine Frau Thildi im Garten jätet, weil sie sonst eine Wegwarte ausreisst, die einem Löwenzahn zum Verwechseln ähnlich sieht. Er beobachtet in seinem Garten vierzig verschiedene Schmetterlinge und fünfzig unterschiedliche Vogelarten. Er sagt, er möge es nicht, wenn seine Frau Beeren für Konfitüren pflückt, denn diese sollen den Vögeln bis im Winter als natürliche Futterquellen dienen. Er sieht plötzlich einen Trauermantel, ein seltener Falter mit wunderschönen dunklen Flügeln mit weissen Umrandungen. Oder einen «Himugüegli», ein einheimisches Chäferli mit sieben Punkten. Er steht in seinem selbstgebauten Schopf am Fenster und fotografiert. Es fasziniert ihn, den Ameisen zuzuschauen. Er sagt, in der Natur realisiere er immer wieder, dass ich nur ein winziger Teil vom Ganzen bin.

Ich lese das alles in der neuen Ausgabe der «Schweizer Familie.»



Sein neues Leben: Titelgeschichte in der «Schweizer Familie», Mai 2020.

Er schreit. Und tobt. Tigert am Spielfeldrand herum. Und klatscht. Ist hektisch. Und gestikuliert. Klatscht in die Hände. Und reklamiert. Jammert. Und tobt. Spornt an. Und ist ruhelos. Leidenschaftlich. Und engagiert bis in die Zehenspitze.

Ich erinnere mich, es war ein Tag im Januar 2006, ein Spiel der 1. Bundesliga in Mainz im altehrwürdigen Stadion am Bruchweg, ein Samstag. Es war sein erstes in der Bundesliga. Sie haben ihn Bergdoktor genannt. Und vor dem Spiel hatte er zum Trainer des Gegners gesagt: «Hallo, ich bin der Hanspeter.» Der gegnerische Trainer kannte ihn nicht. Der gegnerische Trainer hiess Jürgen Klopp, er war damals Trainer von Mainz, noch kein grosser Name.

«Wer? Hanspeter Latour? Nie gehört!» - der Titel in einer Onlineausgabe einer Kölner Zeitung.
Und Hanspeter, der Bergdoktor, ist Hanspeter Latour. «Wer? Hanspeter Latour? Nie gehört!», hatte damals der Titel in der Onlineausgabe einer Kölner Zeitung geheissen. Er war Trainer des 1. FC Köln geworden, er war der hier unbekannte Trainer aus der Schweiz, vorher bei Thun und bei den Grasshoppers. Zehn Monate später wurde er wieder entlassen, aber die Fans in Köln hatten ihn, obwohl er keinen Erfolg brachte, lieb gewonnen, er war volksnah, immer authentisch und bodenständig, nie abgehoben und manchmal fast entwaffnend ehrlich, immer witzig auch. Er sagte, als ihn die Kölner geholt hatten: Das müsse ein verrückter Verein sein, sonst hätten die keinen Schweizer mehr geholt. Marcel Koller, einer seiner Vorgänger, war nach nur vier Monaten fortgeschickt worden.

Latour war der Trainer, der mit seiner Thuner Mannschaft einmal ins Eriztal im Berner Oberland ging und den Spielern nur eine Aufgabe gab: Das Feuer im Wald müsse die ganze Nacht brennen. Oder der mit ihnen eine Schifffahrt auf dem Thunersee machte, einen über Bord springen liess und ein anderer musste ihn mit einem Ring retten. Der den Spielern in Sitzungen zuschrie: «Giele, es geit ou ums Härz», und der sagte, er würde auch als Trainer von Real Madrid mit den Spielern Cervelats braten gehen. Er erzählte immer Geschichten, und manchmal in einer Geschichte eine ganz andere Geschichte, weil ihm plötzlich etwas eingefallen war. 


Der Trainer als Vorturner: Hanspeter Latour, Köln, 2006.

So war er, der Trainer Hanspeter Latour, der nie einen Titel gewann und den doch alle liebten. Sein Spruch vor einem Fernsehmikrofon zu Schiedsrichter Urs Meier ist Kult geworden: «Das isch ä Gränni. Das ich nid normau, Herr Meier! Dä grännet jedes Mau!»

Er hat dann eines Tages eine Fotokamera gekauft und begonnen, Tiere zu fotografieren. Einfach so, in seinem Garten auf der Geissegg im Eriztal mit seinem selbst angelegten Biotop, er sagt, er fotografiere gar nicht besonders gerne, sei aber ein leidenschaftlicher Naturbeobachter, schon als Kind war das so, als er mit seinem Vater auf Pirsch gegangen war. Er, der immer laute Trainer mit der markigen Stimme, hat heute in seinem Garten gelernt zu schweigen, stundenlang sieht er den Tieren, Pflanzen und Insekten zu, beobachtet und knipst. 72 ist er heute, «Natur mit Latour» heisst sein neues Buch, das eben erschienen ist, sein drittes schon.

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