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Erfolgsroman dank Küsnacht

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Blog-Nr. 423 Takis Würger erschrak beinahe, als er an diesem Donnerstagabend aus einem Nebenraum in die Buchhandlung Wolf in Küsnacht trat, zur Eröffnung seiner Lesung, alle Stühle waren besetzt, der Anlass war seit langem ausverkauft, und zuvorderst in der ersten Reihe sass Martin Suter. Nervös sei er immer vor einer Lesung, aber jetzt sei es fast wie ein Albtraum gewesen, ein schöner allerdings, die beiden Schriftsteller kennen sich gut, aber nie hätte er gedacht, dass er zu seiner Lesung kommt. Er fühlte sich geehrt. Takis Würger als Leser, Martin Suter als Zuhörer, zwei Bestseller-Autoren, beide im gleichen (Diogenes)Verlag, sie umarmten sich herzlich. Takis Würger liest, Martin Suter hört zu Ein besonderer Abend war es sowieso für Würger, den 40-jährigen Deutschen aus Leipzig, der wegen seinem Erfolgsbuch «Für Polina» auf Lesetour ist. Es ist irgendwie fast ein Heimkommen, und er lief an diesem Donnerstag zu Fuss von Zürich nach Küsnacht, einen kleinen Spaziergang nennt er es. Zu...

Letzter Tanz

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Blog-Nr. 422 Er kam nochmals durch die grosse Tür, ein grandioser letzter Auftritt, als würde er sagen, so war ich, so kann ich sein, denkt noch lange an mich, trauert ein wenig und vermisst mich, ihr Schwermütigen, ihr werdet mich lange nicht mehr sehen. Natürlich lügt er, kommt er nochmals, dann aber durch die Hintertür, irgendwann, er wird eine Zusatzvorstellung geben, vielleicht nochmals in aller Pracht, vielleicht nochmals in ganzer Schönheit, vielleicht uns nochmals schwitzen lassend, wenigstens noch einmal, einen Apéro lang. Aber doch, so fühlt es sich an: Er ging. Er hatte es ja angekündigt, seit Tagen schon, im Kalender rot eingetragen, Mittwoch, 27. August 2025. Um 15 Uhr war es dunkel geworden und bald setzte Regen ein, das Wasser im Zürichsee war immer noch 24.2 Grad, die Luft 25.6. Bei Kurt Tucholsky hiess es einmal: «Es ist noch nicht kalt, es ist nicht windig, es hat sich eigentlich nichts geändert – und doch alles.» Und begonnen hat sein Gedicht mit: «Eines Morgens riec...

Eine Schnapsidee

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Blog-Nr. 421 Ein Buchtipp Neu anfangen. Alles Alte liegenlassen. Ausbrechen, verrückt sein, unvernünftig. Von einem Tag auf den anderen. Wer hatte dieses Gefühl nicht schon einmal (oder auch mehrmals) im Leben, vor allem, wenn das Leben schon manches erlebt hat? Meistens blieb es beim Gedanken und führte nicht bei der Tat. Weil der Kopf stärker als der Bauch war, blieb Unvernunft vernünftig. Auch wenn die Lust auf Veränderung gross war. Etwas Neues zu beginnen. Sich in etwas stürzen. Aufgeben, was war, nicht wissen, wie es sein wird, was jetzt kommt. Davon handelt dieses Buch, zufällig entdeckt, weil es eine Kollegin von einer Kollegin zum Geburtstag bekommen hat, erstmals erschienen war es schon vor elf Jahren. Es ist ein Büchlein, denn es ist klein, A7-Format, sehr handlich, in Leinen gebunden, auch die Schrift ist klein, ich habe es immer wieder nahe an meine Augen geführt und die Brille weggelegt, man kann auch sagen: ich habe es verschlungen. Es ist ein wundervolles Buch. So auch ...

Mehr Clowns

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Blog-Nr. 420 Zwei Gläser mit rosigem Inhalt im Abendrot. Und jetzt dunkle Wolken am Himmel. Einer hatte für den anderen einen sehr langen roten Teppich ausgelegt, und sie begrüssten sich und strahlten wie beste Freunde. Der eine will den Friedensnobelpreis und findet, er habe ihn mehr als verdient, und in der Schweiz schreibt jemand im Editorial seines Magazins bewundernd, er sei ein Friedensmacher; und der andere hat vor dreieinhalb Jahren ein Land überfallen und sagt, wo ein Soldat seines Landes seinen Fuss hinsetze, gehöre dieses Land ihm, dem Kriegsverbrecher. Und während die beiden miteinander reden und sich freundschaftlich zulächeln, lässt der eine weiter Bomben werfen und Land zerstören und Menschen töten. Und fragt seinen Freund beim Abschied: «Nächstes Mal in Moskau?», und der lächelt stolz. Das Boulevardblatt titelt online, der Bund warne vor einer Regenwalze in mehreren Regionen. Die Wolken am Himmel sind noch dunkler. Und zwei Tage nach dem roten Teppich empfängt der, der ...

Stau im Auto

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Blog-Nr. 419 Was ist denn mit dir? fragt Bruno, der Werber, seinen Freund Luca, den Architekten, als dieser zur Tür des Bistro im Zürcher Seefeld hereinkommt. Auf viertel nach acht hatten sie abgemacht, nach längerer Zeit wieder einmal zu ihrem Espresso*, zwanzig nach neun ist es jetzt, Bruno wollte längst wieder gehen, hat schon vier Espressi getrunken, wie immer Short Black, zwei Gipfeli dazu, was er sonst nie macht, und auch bereits bezahlt. Luca ist ausser Atem, die (wenigen) Haare wirr und feucht, er schwitzt, und vor allem jammert er sogleich los, noch ehe er sich an den kleinen Tisch gesetzt hat. Jene, die schon hier sind und in ihre Zeitung vertieft, blicken verwundert auf. Eine Sauerei sei das, eine Zumutung, was sich diese Stadt erlaube, diese rotgrüne Regierung, und Bruno hat solches noch nie von seinem Freund gehört, denn eigentlich ist Luca keiner, der so denkt, im Gegenteil, er ist, weiss Bruno, diesen politischen Farben grundsätzlich eher zugeneigt. Einschränkungen bis H...

Ja mit 60

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Blog-Nr. 418 Foto: Julia Lormis Mit 60 heiraten, nochmals heiraten. Was ist es? Einsicht, Vernunft, Glück, Verbundenheit, Vertrauen, Liebe? Liebe ganz sicher. Es ist alles, zumindest bei ihnen, Fredy Bickel und Regula Esposito (oder Helga Schneider), Fussball und Kunst war (und ist) ihr Leben, seit einigen Monaten aber auch die Gastronomie, seit sie gemeinsam das «Weisse Rössli» übernommen haben, das schöne Gasthaus mit einer langen Tradition in Mettmenstetten im Säuliamt. Und jetzt sind sie auch ein Ehepaar. Es hatte vor zehn Jahren mit einem langen Abend bei Beat Schlatter in dessen Wohnung im Zürcher Niederdorf – nein, begonnen damals noch nicht, erst später, aber es war eine erste Begegnung von einigen, die folgten, immer wieder auch in fröhlicher Runde. Erste Blicke, erste Gefühle, erste Berührungen, der erste Kuss, vielleicht die tiefen Gefühle noch nicht gleich stark, noch eher einseitig, wie das manchmal ist, wenn sich zwei erstmals näher begegnen. Ein «Match», wie man heute ...

Eigene Webseite

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NEU  Eine eigene Webseite Zum Blog, mit Fotos, mit Tipps,  zu Büchern, Musik, Filme, Lesungen, Orte fredywettstein.ch  

Ode an den Brief

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Blog-Nr. 417 KI generiert Früher, als man Briefe schrieb, Generäle an Präsidenten Enkel ihren Nonni und umgekehrt Liebende einander Früher, als der Pöstler die Briefe brachte und man tagelang darauf wartete sie immer wieder las manchmal neben das Bett legte Früher, als jedes Wort einmalig war nur für dich geschrieben nur für dich bestimmt nur du sollst und darfst es lesen  Früher, als wir uns lange überlegten was und wie schreibe ich jetzt zurück mit welchen Worten und Sätzen und werden sie richtig verstanden Früher, als Worte und Sätze mit der Handschrift ausdrückten was man im Moment fühlte dieser Person gegenüber Früher, als wir uns Gedanken machten zu den Worten und zum Ton weil nur eine oder einer sie las und nicht die ganze Welt erschreckten Früher, als Briefe wegflogen  allein durch die Luft kurz oder ganz weit weg sie wussten genau wohin Früher, als Briefe wichtig waren weil es nichts anderes gab um etwas schriftlich zu sagen  sehr persönlich und manchmal intim Fr...