Letztes Mal


Blog-Nr. 495



Es war nochmals Sommer an diesem Donnerstag Mitte September 2018. Eine wunderbare laue Nacht, die Musik noch im Ohr, ich fuhr beschwingt mit der roten Vespa dem Zürichsee entlang und dachte, ich hätte noch stundenlang zuhören können.

Nichts ahnend, dass dieser Abend später eine ganz andere Bedeutung bekommen würde.

Und jetzt denke ich daran, weil ich eben ein Lied von ihm und seiner Band am Radio höre.

Das letzte Mal.

Es hat bei mir oft mit Musik zu tun. Leonard Cohen, Lucio Dalla, Charles Aznavour, Polo Hofer, Endo Anaconda, Udo Jürgens, wahrscheinlich habe ich jemanden vergessen, bei allen war ich an Auftritten von ihnen, in Zürich, Wien, Bern oder Rubigen, ich wusste nie, dass es immer auch ein Abschied war.

Es gibt einen schönen Satz dazu, vom deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque («Im Westen nichts Neues»), er schrieb einmal: «Man merkt nie, wenn man das letzte Mal glücklich ist; man merkt es erst, wenn es vorbei ist».

Das letzte Mal. Vielleicht ist es gut, wenn wir nicht wissen, dass etwas ein letzte Mal ist. In einer Beziehung: der letzte Kuss. Im Leben: das letzte Mal irgendwo. Die letzte Begegnung. Oder als Hobbysportler das letzte Spiel, konkreter: als Torhüter die letzte Parade, vielleicht griff man damals auch daneben und dann kam die Verletzung, die dazu führte, dass es kein nächstes Mal mehr gab.

Aber zurück zur Musik. Ich zögerte erst – wirklich? Will ich? Nochmals Bob Dylan? Nochmals hingehen?

Ihn schon dutzendmal gesehen auf irgendeiner Bühne und oft auch nicht gesehen, weil er seinen Hut weit ins Gesicht gezogen hatte oder hinter dem Klavier versteckt war, grosse Screens gibt es bei ihm keine, und er redet auch nie ein Wort mit dem Publikum, keine Begrüssung, kein Abschied, seine Songs singt er mit seiner krächzenden Stimme so, dass man sie oft kaum wiederkennt.

Aber dann doch: Ein Ticket gekauft, Sonntagabend, 20 Uhr, 1. November, Hallenstadion Zürich, 17. Reihe, Parkett, Handys sind nicht erlaubt, wie immer bei seinen Konzerten.

Also später keine fotografische Erinnerung. Aber im Kopf soll es bleiben, und vielleicht ist es ja gar nicht das letzte Mal.

Wie damals. Nie hätte ich so etwas gedacht. Bei Kuno Lauener und Züri West im Gewächshaus in der Gärtnerei van Oordt in Stäfa, zwischen Palmen und Pflanzen, und wie immer hielt Kuno in Jeans und weissem Hemd das Mikrofon zart und fest in seiner Hand umschlungen. Kurz vor halb elf sang er sein letztes Lied, vielleicht bewusst dieses: «I verabschiede mi au». Die ersten Zeilen heissen: 

«Irgendöppis isch passiert
öppis isch üs i d’Hose
I lose dr zue
aber verschtah tuen i di nüme»

Wir ahnten nichts. Nicht einmal seine Band wusste damals, dass Kuno Lauener an Multipler Sklerose erkrankt war.

Es blieb sein letzter Auftritt.


Nächste musikalische Lesung:
Sonntag, 29. November, 11 Uhr
Immobilienwerkstatt, Küsnacht


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